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Sigrid Baumgartner und Julia Hipfl: »Manchmal ist die wertvollste Hilfe einfach geschenkte Zeit«Ausgabe 39 | Mittwoch, 23. September 2026

Baumgartner (41) und Hipfl (33) unterstützten im Rahmen ihrer Tätigkeit in der Pflegenahversorgung Wolfsberg ältere Menschen und deren An- und Zugehörige in der Stadtgemeinde Wolfsberg bei Pflegefragen, sozialen Anliegen und vermitteln Unterstützungsangebote.

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Wie sind Sie beide zu Ihrer Tätigkeit als Pflegenahversorgerinnen gekommen?
Sigrid Baumgartner:
Für mich war die Arbeit mit älteren Menschen immer eine Herzensangelegenheit. Ich war zuvor in unterschiedlichen Bereichen tätig, unter anderem in der Beratungsarbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien sowie später in einem Pflegeheim. Seit April 2025 bin ich Teil des Teams in Wolfsberg. Die Pflegenahversorgung bietet die Möglichkeit, Menschen frühzeitig zu begleiten und ihnen Wege durch das oft komplexe Hilfesystem zu zeigen. Wir sind häufig die erste Anlaufstelle und helfen dabei, die richtigen Unterstützungsangebote zu finden.
Julia Hipfl: Ich komme ursprünglich aus dem Akutbereich und habe im Krankenhaus in Klagenfurt gearbeitet. Danach war ich im extramuralen Bereich tätig. Mich hat besonders gereizt, direkt in den Gemeinden etwas bewirken zu können. Viele Menschen sind heute von Einsamkeit betroffen. In unserer Arbeit haben wir die Möglichkeit, genau dort anzusetzen und aktiv gegenzusteuern.

Der Begriff »Community Nurse« ist vielen Menschen bekannt. Wie lautet die offizielle Bezeichnung heute?
Hipfl:
In Kärnten wird heute der übergeordnete Begriff »Pflegenahversorgung« verwendet. Unter diesem Dach werden – je nach Region – unterschiedliche wohnortnahe Angebote wie Pflegekoordination und Community Nursing gebündelt. In Wolfsberg sind wir als Pflegenahversorgerinnen tätig.

Welche Aufgaben gehören zur Pflegenahversorgung?
Baumgartner:
Im Rahmen der Pflegenahversorgung erfolgt die Information und Beratung zu bestehenden Angeboten im Pflege-, Betreuungs- und Sozialbereich, sowie die Unterstützung bei administrativen Anliegen als auch die Hilfestellung bei der Organisation des Betreuungsalltages. Des Weiteren fällt unter die Pflegenahversorgung auch die Förderung des ehrenamtlichen Engagements vor Ort.  

Mit welchen Anliegen kommen die Menschen am häufigsten zu Ihnen?
Hipfl:
Sehr oft wenden sich Menschen an uns, wenn erste gesundheitliche Probleme auftreten und sie nicht wissen, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt. Häufig geht es auch um finanzielle Fragen oder darum, welche Leistungen beantragt werden können. Wir betrachten immer das gesamte Umfeld und überlegen gemeinsam, wo Hilfe sinnvoll wäre. Oft sind es kleine Veränderungen, die eine große Wirkung erzielen.
Baumgartner: Angehörige suchen häufig nach Entlastungsmöglichkeiten, denn wer täglich Außergewöhnliches leistet, braucht auch Phasen der Erholung. Pflegende Angehörige tragen oft eine enorme Verantwortung und stoßen verständlicherweise irgendwann an ihre Belastungsgrenzen. Deshalb ist es wichtig, rechtzeitig nach passenden Unterstützungsangeboten zu suchen und diese in Anspruch zu nehmen.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit im Lavanttal besonders?
Baumgartner:
Die Vielfalt. Unsere Arbeit ist sehr niederschwellig. Da wir ohne große Hürden und aufsuchend arbeiten – egal ob bei Hausbesuchen, telefonisch oder direkt im Gemeindeamt – sind wir für die Wolfsberger Bevölkerung leicht zu erreichen. Dadurch wenden sich Menschen mit den verschiedensten Lebensgeschichten und Anliegen an uns. 
Hipfl: Ich schätze vor allem, dass wir Menschen oft über längere Zeit begleiten dürfen. Manchmal beginnt alles mit einer kleinen Fragestellung. Einige Zeit später entstehen neue Herausforderungen, und wir können die Betroffenen weiterhin unterstützen. Diese langfristige Begleitung ermöglicht es uns, Entwicklungen mitzuerleben und Lösungen gemeinsam zu erarbeiten.

Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen in der Betreuung älterer Menschen im Lavanttal?
Hipfl:
Eine große Herausforderung ist die Zersiedelung. Viele Menschen leben alleine in abgelegenen Regionen und verfügen vor Ort über kein familiäres Netzwerk. Hinzu kommt die zunehmende Vereinsamung. Gleichzeitig sind die Kapazitäten verschiedener Gesundheits- und Sozialdienstleister begrenzt. Das betrifft beispielsweise mobile Dienste, Fachärzte oder Krankentransporte.
Baumgartner: Einsamkeit ist aber keineswegs nur ein Thema in entlegenen Gebieten. Auch in Städten können Menschen sozial isoliert sein. Deshalb ist es wichtig, aufmerksam zu bleiben und füreinander da zu sein.

Welche Eigenschaften sollte jemand mitbringen, der in der Pflegenahversorgung tätig sein möchte?
Hipfl:
Empathie ist eine Grundvoraussetzung. Ebenso wichtig sind Kommunikationsstärke und lösungsorientiertes Denken. Unsere Aufgabe besteht darin, Möglichkeiten aufzuzeigen und mit den Betroffenen und ihren Familien passende Wege zu finden.
Baumgartner:  Zusätzlich zum Einfühlungsvermögen ist es wichtig, Situationen adäquat einschätzen zu können und so die Weichen zu den passenden Angeboten zu stellen. Entscheidend ist aber unsere ressourcenorientierte Haltung: Wir konzentrieren uns nicht auf Defizite, sondern auf die Stärken und Fähigkeiten der Menschen. Nur so können wir sie aktiv dabei unterstützen, weiterhin selbstbestimmt im eigenen Zuhause zu leben.

Eine wichtige Rolle spielen dabei auch freiwillige Helfer. Wie viele Ehrenamtliche engagieren sich derzeit in Wolfsberg?
Hipfl:
Aktuell unterstützen uns 21 freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gleichzeitig freuen wir uns jederzeit über neue Interessierte, denn der Bedarf ist groß.

Welche Voraussetzungen müssen Freiwillige mitbringen?
Baumgartner:
Vor allem Freude am Umgang mit Menschen. Die Ehrenamtlichen kommen aus ganz unterschiedlichen Berufen und Lebenssituationen. Ob Landwirt, Pädagogin, Angestellter oder Hausfrau spielt keine Rolle. Jeder, der helfen möchte, ist willkommen.
Hipfl: Die Begleitung erfolgt durch uns. Es gibt Schulungen in ganz Kärnten zu unterschiedlichen Themen, etwa Erste Hilfe oder Selbstfürsorge. Gleichzeitig ist jeder Mensch einzigartig. Deshalb legen wir Wert auf eine individuelle Begleitung statt auf starre Vorgaben.

Was sind die wichtigsten Aufgaben der Ehrenamtlichen?
Hipfl:
Der Besuchsdienst steht klar im Mittelpunkt. Die Freiwilligen schenken Zeit. Sie besuchen Menschen, führen Gespräche, hören zu oder unternehmen kleine Aktivitäten gemeinsam. Damit leisten sie einen wertvollen Beitrag gegen Einsamkeit und soziale Isolation.

Wie werden neue Ehrenamtliche unterstützt?
Baumgartner:
Beim ersten Besuch begleiten wir sie persönlich. Dabei schauen wir gemeinsam, ob die Chemie zwischen den Beteiligten stimmt. Die laufende Koordination übernehmen ebenfalls wir. Außerdem stehen wir jederzeit für fachliche Fragen zur Verfügung.

Gibt es für die Freiwilligen eine finanzielle Entschädigung?
Baumgartner:
Die Tätigkeit erfolgt ehrenamtlich. Für bestimmte Fahrten wird allerdings das amtliche Kilometergeld als Aufwandsentschädigung ausbezahlt. Der zeitliche Rahmen ist sehr flexibel. Manche engagieren sich eine Stunde pro Woche, andere einmal im Monat und wieder andere deutlich häufiger.

Welche Bedeutung hat die neue Ehrenamtskarte?
Hipfl:
Sie ist vor allem ein zusätzliches Zeichen der Wertschätzung. Die Karte ist eine kleine Anerkennung für Menschen, die ihre Zeit für andere einsetzen.
Baumgartner: Wertschätzung ist überhaupt ein ganz wichtiger Punkt. Ohne das Engagement der Freiwilligen wäre vieles nicht möglich. Oft entstehen aus den Besuchen sogar echte Freundschaften. Davon profitieren beide Seiten.

Wenn Sie drei Wünsche für die Zukunft frei hätten – welche wären das?
Baumgartner:
Ich würde mir wünschen, dass Menschen wieder stärker aufeinander achten und einander mehr Wertschätzung entgegenbringen. Außerdem wäre ein weiterer Ausbau bestehender Unterstützungsangebote hilfreich.
Hipfl: Mein erster Wunsch wäre mehr Zeit für würdevolle Pflege. Zweitens wünsche ich mir, dass Nachbarschaftshilfe wieder selbstverständlicher wird und Menschen hinschauen, wenn jemand Unterstützung braucht. Und drittens sollten pflegende Angehörige finanziell und organisatorisch stärker entlastet werden.

Gibt es Begegnungen, die Sie besonders berührt haben?
Hipfl:
Solche Situationen gibt es immer wieder. Vor allem dann, wenn Menschen mit schweren Erkrankungen konfrontiert sind und der Verlauf letztlich tödlich endet. Das geht natürlich auch an uns nicht spurlos vorbei.
Baumgartner: Umso wichtiger ist es, dass wir uns als Team haben. Wir können uns gegenseitig zuhören und unterstützen.

Wie schaffen Sie persönlich den Ausgleich zu Ihrer oft emotional herausfordernden Arbeit?
Hipfl:
Für mich sind es meine Familie, meine Freunde und mein Bauernhof. Die Arbeit mit meinen Tieren, darunter Schottische Hochlandrinder und Walliser Schwarznasenschafe, hilft mir abzuschalten und neue Kraft zu tanken.
Baumgartner: Der Rückhalt durch meine Kinder, meinen Partner, Freunde und die Familie ist die Basis. Den Ausgleich finde ich aber vor allem draußen in der Natur. In diesen Auszeiten kann ich abschalten und neue Energie für den Alltag tanken.

Abschließend: Was möchten Sie den Menschen im Lavanttal mitgeben?
Baumgartner:
Oft braucht es gar keine großen Gesten. Ein Gespräch, ein Besuch oder einach nur einmal ein  offenes Ohr können viel bewirken.
Hipfl: Genau. Manchmal ist die wertvollste Hilfe einfach Zeit. Und die kann jeder schenken.

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