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Christian Salzmann: »Regionalität funktioniert nur bei Aktionen – für Kunden zählt nur noch der Preis«Ausgabe 29 | Mittwoch, 15. Juli 2026

Die Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel bringt vielen Betrieben kaum Entlastung. Christian Salzmann von der St. Andräer Frühauf-Mühle spricht über minimale Kundeneffekte, hohe Umstellungskosten, absurde Regeln und seine Wünsche.

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Seit 1. Juli ist die Mehrwertsteuersenkung auf ausgewählte Grundnahrungsmittel in Kraft. Wie wirkt sich das auf Ihr Geschäft aus?
Ganz ehrlich: überhaupt nicht. Ich habe weder mehr noch weniger Kundschaft. Viele wissen gar nicht, dass etwas billiger geworden ist. Unsere Kunden sind großteils über 50 Jahre alt, essen das, was sie gewohnt sind oder geben der gesunden Ernährung mehr Wertschätzung. Wobei heute, statistisch gesehen, Lebensmittel weit günstiger sind, als noch vor gut 30 Jahren. Wenn ein Brot statt 4,80 Euro plötzlich 4,56 Euro kostet, runzeln viele nur die Stirn und sagen: »Passt schon.« Die geringe Ersparnis wird von vielen Kunden kaum oder überhaupt nicht wahrgenommen. Die Senkung verpufft  und verursacht mehr Aufwand als Nutzen.

Mussten Sie in Ihrem Betrieb, vor allem bei der Buchhaltung und der Preisauszeichnung, aufgrund der Senkung etwas umstellen?  
Anfang des Jahres hat uns allein die Umstellung des Kassensystems 1.500 Euro gekostet. Jetzt im Juli müssen wir die Buchhaltung und Software erneut anpassen – wieder mindestens 1.500 Euro. Dazu kommt der Steuerberater, der jetzt mehr verlangt, weil es statt drei plötzlich vier Steuersätze gibt. Für einige Unternehmer war die Umstellung sicher ein Gewinn, vor allem für die IT-Firmen, für uns ist es aber auf jeden Fall ein Verlust.

Aber vor allem hat es Zeit und Nerven gekostet. Wir haben mittlerweile riesige To-do-Listen bekommen. Generell sind wir schon fast Apotheker geworden, weil wir beim Brot fast einen Beipackzettel mitliefern müssen.

Was meinen Sie damit?
Vor 20 Jahren stand auf einem Brot: Mindesthaltbarkeit, Inhalt, Hersteller. Heute müssen wir erklären, woher das Getreide kommt, ob es gentechnikfrei ist, wie es gelagert wurde, welche Codes gelten, Allergene, Glutenhinweise, Nährwerttabellen. Ich frage mich wirklich, wer das alles liest.

Wie wirkt sich die Senkung auf Ihre Produkte aus, insbesondere bei Brot, Gebäck und Mehl?
Das Absurde ist: Für Weizen gilt die Steuersenkung, bei Roggen nicht. Das versteht niemand. Roggen ist ernährungsphysiologisch wesentlich gesünder, hat weniger Zucker und macht länger satt. Brot ist günstiger als Semmeln – und trotzdem wird es nicht berücksichtigt. Da muss man fast ein Schelm sein, um zu sagen: Die Pharmaindustrie steckt dahinter. Denn sie würde sich freuen, wenn die Menschen durch den vielen Weizenkonsum irgendwann Insulin brauchen. Weizenmehl enthält mehr Zucker als Roggenmehl. Dass Roggenmehl von der Senkung ausgenommen ist, macht mich aus gesundheitlicher Sicht traurig.

Wie wirken sich die Preissteigerung bei Energie, Transport- und Personalkosten aus?
Das ist natürlich schon auch ein großes Thema. Die Kosten für die Erzeugung sind gestiegen. 

Auch die Produkte für die Herstellung des Mehls sind teurer geworden. Ich frage mich, warum müssen wir uns in Österreich am Weltmarktpreis orientieren? Wir haben höhere Standards als viele andere Länder, die dadurch wesentlich günstiger produzieren können als wir. Die Schweiz macht es anders. Sie orientiert sich bei der Mehlproduktion und beim Getreidepreis nicht direkt am Weltmarktpreis. Die Schweiz hat einen eigenen, geschützten Markt. Ich kann den Mehlpreis aber nicht erhöhen, er wird von den großen Industriemühlen diktiert. In den Handelsgeschäften gibt es ja nicht nur mein Mehl, sondern zahlreiche Marken.

Sie sagen, die Senkung trifft nicht alle Unternehmen. Wie ist das zu verstehen? 
Ein pauschalierte Landwirt ist von der Maßnahme ausgenommen. Er gibt uns die Produkte zum selben Preis wie früher. Ich muss jetzt aber günstiger verkaufen und habe den neuen Steuersatz zu verbuchen. Er nicht. Warum nicht gleiches Recht für alle? Wir sind Mühle und Schwarzbrotbäckerei, haben auch kein großes Sortiment. 

Wie kompliziert ist die neue Regelung?
Extrem. Ende des Vorjahrs haben wir gehört, dass eine Senkung kommt. Wir dachten: Prinzipiell eine gute Sache. Aber niemand hat gesagt, dass es so kompliziert wird. Für EDV-Firmen war es eine riesige Herausforderung. Ich glaube, der Schuss ist nach hinten losgegangen. Es dauerte dann ewig, bis man wusste, welche Produkte von der Steuersenkung betroffen sind und welche nicht. Unverständlich ist für mich auch, warum man die Mehrwertsteuer auf 4,9 Prozent senken musste und nicht auf fünf Prozent. Auch hier glaube ich, dass der Schuss nach hinten losgegangen ist.

Mein Wunsch wäre, dass man eine einheitliche Lösung findet: Fünf Prozent auf alle Grundnahrungsmittel. Wobei: Was verursacht denn heute wirklich große Kosten? Genau: Miete, Energie, Auto, Urlaube, IPhones …

Wie läuft das Geschäft und wie stark ist der Druck auf Sie durch Supermärkte und Diskonter?
Für viele Kunden zählt nur noch der Preis. Herr und Frau Lavanttaler entscheiden, wie viele Mühlen oder Bäckereien es künftig im Tal noch geben wird. Die vier großen Handelskonzerne erpressen niemanden, bei ihnen einzukaufen. Niemand braucht über das Bäcker- und Fleischersterben zu jammern. Wenn die Leute sieben Kebap-Läden in Wolfsberg wollen oder amerikanisches Fast Food, dann wird es sie geben. Der mündige Konsument entscheidet alleine.

Also wird echte Handwerksqualität eines kleinen heimischen Betriebs kaum noch honoriert?
Die Menschen, die auf ihre Gesundheit schauen, honorieren es sehr. Alle anderen: nein. Das ist eine ewige Diskussion. Warum werden wir kleine Gewerbebetriebe immer mit den großen Industriebetrieben verglichen? Viele fragen, warum mein Mehl teurer ist als im Supermarkt. Ich muss mich ständig rechtfertigen. 

Schon allein der Ankauf und das Bedrucken der Papiersäcke, in denen das Mehl abgepackt ist, kommt mir teurer als den großen Industriebetrieben. Ich bestelle zum Beispiel 10.000 Stück, eine Industriemühle aber Millionen. Da ist der Stückpreis dann um ein Vielfaches geringer.

Regionalität funktioniert heutzutage leider meist nur, wenn es Aktionen oder Rabattmarken gibt. Dann kaufen die Kunden, denn es zählt nur noch der Preis. 

Wie schwer ist es in Ihrer Branche, Mitarbeiter zu finden?
Es ist eine »Mission Impossible«. Leistung wird in Österreich leider nicht mehr belohnt. Was Arbeitslose vom Arbeitsmarktservice bekommen, ist eine Verhöhnung der arbeitenden Bevölkerung. Da braucht man sich nicht wundern, dass viele nicht mehr arbeiten wollen, wenn man vom AMS fast so viel bekommt wie beim Arbeiten. Ich habe die Hoffnung aufgegeben. Unsere Branche macht es durch die Arbeitszeiten noch schwieriger, Mitarbeiter zu finden. Viele fragen: Warum sollte ich so früh aufstehen? Warum kann ich nicht vier Tage arbeiten?

Ich mache mir ernsthaft Gedanken, ob ich nicht Asylwerber nehmen soll, die gerne arbeiten würden. Aber das lässt der Staat nicht so einfach zu.

Welche politischen Maßnahmen würden helfen?
Wenn die Politik Gesetze und Verordnungen beschließt, gibt es zunächst immer sogenannte Expertengruppen. Die haben aber meist von unserer ländlichen Struktur keine Ahnung. Und sie regieren von oben herab.  Dadurch kommt es so oft zu schlechten Beschlüssen, die dem Steuerzahler viel Geld kosten. 

Mit uns, den Bäckern und den Müllern hat zum Beispiel bezüglich der Mehrwertsteuersenkung niemand gesprochen. Und was ist am Ende herausgekommen? Eine komplizierte Regelung, die niemand versteht. Der Handel ist verwirrt, die Produzenten sind verwirrt, und den Bürgern bringt die Maßnahme nichts. 

War die Situation der Bäcker und Müller in der Vergangenheit besser?
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es rund 4.000 Mühlen in Österreich. In den 1960ern Jahren waren es 1.000. Bis 1995 hat das System mit Kontingenten funktioniert. Dann fielen sie und der Weltmarkt hat übernommen. Vor fünf Jahren hatten wir in Österreich 90 Mühlen, jetzt 75. Wenn wir so weitermachen, wird es künftig nur die Industriemühlen geben. Ob es dann noch Diskontpreise gibt? Wer‘s glaubt, wird selig, ich möchte dann bitte keinen jammern hören.

ChristianSalzmann, 44, geboren in Wolfsberg, HTL-Absolvent, Zivildienst in Wolfsberg, danach Tätigkeiten am Bau, ein Jahr bei der Firma Pale, später bei Mahle in St. Michael. Ab 2010 arbeitete er im elterlichen Betrieb mit, 2021 hat er die  Frühaufmühle übernommen.  
Salzmann lebt in Partnerschaft, hat ein Kind, ist Notfallsanitäter beim Roten Kreuz und findet seinen Ausgleich im Wald: »Kärntner Seen und Berge – das ist meine Welt.«

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