IT-Experte Christian Baumgartner: »Ich bin kein Nerd, aber technik- und computerinteressiert« Ausgabe 24 | Mittwoch, 10. Juni 2020

BI Christian Baumgartner (47) ist einer von zwei IT-Experten der Polizei für den Bezirk Wolfsberg. Mit den Unterkärntner Nachrichten sprach er über Kriminalität im World Wide Web, die Maschen der Betrüger und wie man sich davor schützen kann, ein Opfer zu werden.

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Sie sind im Bezirk Wolfsberg einer von zwei Polizeibeamten, die für Cyberkriminalität zuständig sind. Wie sind Sie zu den IT-Spezialisten gekommen?
Das hat sich einfach so ergeben. Ich habe 1995 meinen ersten Computer zusammengebaut und war schon immer computer- und technikinteressiert. Um die Jahrtausendwende kam dann das erste Protokollierungssystem PAD bei der Polizei und dafür wurde eine Stelle ausgeschrieben. Eine Kollegin meinte damals, dass das doch etwas für mich wäre. Also habe ich mich beworben und wurde angenommen. Für Computerkriminalität bin ich seit 2011 zuständig.

Was war ihr erster Computer?
Das war der gute alte C64 von Commodore. Darauf haben mein Bruder und ich lange gespart. 

Würden Sie sagen, dass Sie ein Nerd sind?
(Lacht.) Nein. Ich arbeite anlassbezogen, aber natürlich sehr viel auf dem Computer. Denn immer, wenn es ein Computerproblem gibt, egal ob im Bekanntenkreis oder im Beruf, dann sucht man einen Clown, der einem hilft, und da bin ich dann zur Stelle. Die Freunde und Kollegen denken halt, ich bin ein wandelnder Pocket-PC. Dabei habe ich beruflich wie auch privat kaum Zeit, um selbst etwas Neues zu probieren.

Die Cyberkriminalität ist im Steigen. Wie sieht die Statistik für das abgelaufene Jahr aus?
Österreichweit gab es ca. 16.800 Delikte, das ist der Höchstwert in Österreich und eine Steigerung um 115 Prozent gegenüber dem Jahr 2018. Die Zahl der Delikte ging in den vergangenen Jahren stetig nach oben. Als ich 2011 für die Cyberkriminalität zuständig wurde, gab es elf Straftaten. Mittlerweile sind wir zu zweit für Internetkriminalität zuständig, und jeder von uns bearbeitet jährlich rund 80 bis 100 Fälle.

»Österreichweit gab es ca. 16.800 Cyber-Delikte, das ist ein Höchstwert und eine Steigerung um 115 %«
Christian Baumgartner, IT-Experte der Polizei

Was sind die häufigsten Straftaten im Internet?
Am öftesten kommen Betrugsfälle zur Anzeige. Denn dabei gibt es zahlreiche Varianten und Möglichkeiten. Und es ist auch relativ einfach, einen Betrug im Inter durchzuführen. Dafür ist kein großartiges Equipment notwendig, es reicht ein Smartphone und eine freies W-LAN.

Welche Betrugsmaschen kommen zur Anwendung?
Das ist immer schwer zu sagen. Es gibt dabei immer Wellen. Da wird ein Scam eine Zeit lang durchgezogen, dann verschwindet diese Art wieder und die Betrüger besinnen sich auf neue Methoden.

Betrügereien mit Fake-Shops sind immer wieder angesagt. Da werden Online-Auftritte von namhaften Unternehmen wie Amazon oder E-Bay vorgeschoben und die User abgezockt. Dabei könnte man dem relativ einfach entgehen, indem man sich die URL, also die Adresse der Website, genau anschaut.

Ein weiteres großes Problem sind die Abo-Fallen. Mit vermeintlichen Gratisangeboten werden User überlistet, unwissentlich ein langfristiges Abonnement einer kostenpflichtigen Dienstleistung abzuschließen. Meist erhält man dann nach kurzer Zeit eine Zahlungsaufforderung. Das schüchtert viele Kunden ein und häufig wird dann aus Angst vor Gerichtskosten bezahlt.

In den vergangenen Monaten wurden Betrügereien mit Trading-Geschäften sehr populär. Den Kunden werden schnelle und hohe Gewinne vorgegaukelt. Dann sollen weitere Summen einbezahlt werden. Und wenn der Kunde schließlich die Auszahlung fordert, ist alles vorbei und bei dem »Trading-Unternehmen« ist niemand mehr erreichbar, die Website ist nicht mehr aufrufbar und das investierte Geld ist weg.

»Es ist relativ einfach, einen Betrug im Internet durchzuführen«
Christian Baumgartner, IT-Experte der Polizei

Die altbekannten Love-Scams gibt es auch noch, oder?
Ja, schon seit Jahren. Es wird die große Liebe vorgespielt, und dann wird das Opfer darum gebeten, Geld zu überweisen, da es einen privaten Vorfall, etwa eine Krankheit, gibt oder dringend Geld für eine Operation benötigt wird. Meist sind die Opfer zu diesem Zeitpunkt bereits blind vor Liebe und überweisen oftmals auch sehr hohe Geldsummen. Sobald aus dem Opfer nichts mehr rauszuholen ist, bricht der Kontakt ab.

Wie sicher ist Online-Banking?
Grundsätzlich sehr sicher, aber man muss natürlich auch dabei vorsichtig sein. Ein gefundenes Fressen für die Gauner war die Umstellung der Banken vom SMS-TAN-System. Dabei wurden die Kunden von den Tätern »im Namen der Bank« kontaktiert und aufgefordert, sich zu authentifizieren. Um entsprechend Druck auszuüben, wurde vorgespielt, dass man die entsprechenden Daten sofort durchgeben müsse, da ansonsten der Zugriff auf das Konto für einige Tage nicht möglich wäre. 

Haben Sie einen Ratschlag für die User, wie man sich vor Cyberkriminalität schützen kann?
Es braucht immer zwei Leute, einen Täter, der den Schaden anrichtet, und ein Opfer, das auf die Betrugsmasche reinfällt. All die Informationen und Tipps, die wir verteilen, helfen nichts, wenn sie nicht angenommen werden. Oftmals helfen die Opfer unbewusst mit, indem sie leichtfertig persönliche Daten, PIN-Codes usw. herausrücken. Die Leute sollen nicht leichtfertig Daten bekannt geben. Viele melden sich bei zahlreichen Diensten und Websites an. Diese Daten kommen dann in Datenbanken, viele davon werden verkauft, und auf diese greifen Betrüger auch zu. Man darf sich dann nicht wundern, wenn man mit schäbigen Nachrichten zugespamt wird.

Auf alle Fälle sollte man sehr darauf achten, wo man welche Daten bekannt gibt.

Meistens sitzen die Täter im Ausland. Wie ist die Zusammenarbeit mit den Behörden in anderen Ländern und können die Täter überhaupt gefasst werden?
Das gestaltet sich sehr schwierig. Täter im Ausland ausfindig zu machen ist fast unmöglich und verläuft sogar innerhalb Europas sehr schwierig. Sitzen die Betrüger in Afrika, Asien oder Russland, dann kann man schon froh sein, wenn man von den Behörden nach einigen Wochen überhaupt eine Antwort bekommt. Aber es gestaltet sich auch oft die Zusammenarbeit mit den Opfern als schwierig. Sie wollen nach einem Betrugsfall rasch Ergebnisse sehen, aber es ist ein langwieriger Prozess. Vielen geht es nur darum, den Schaden ersetzt zu bekommen. Da kann es schon passieren, dass während der Ermittlungen das Opfer entschädigt wurde, und dann hören wir von ihm leider nichts mehr, und die Polizei steckt in einer Sackgasse. Uns geht es ja darum, den Täter zu schnappen.

Die Technik und auch die Tricks der Täter ändern sich ständig und rasant. Kann man da mithalten?
Daher arbeiten wir immer anlassbezogen, und damit müssen wir uns leider abfinden. Aber die ständig wechselnden Techniken machen die Arbeit sehr spannend und sehr fordernd. Man muss versuchen, recht schnell herauszufinden und zu verstehen, wie gearbeitet wurde und wie weit kann ich als Ermittler kommen.

Besteht in technischer und personeller Hinsicht bei der Polizei ein Aufholbedarf in Sachen Cyberkriminalität?
Personell auf alle Fälle. Cybercrime ist im Steigen. Aber zum Glück kooperieren wir von der Wolfsberger IT-Abteilung sehr gut mit der IT-Abteilung des Bezirks Völkermarkt, das hilft schon.

Von der technischen Seite würde ich Jein sagen. Cybercrime ist die einzige Form der Kriminalität, die stetig im Steigen begriffen ist, und daher sollte man nicht lange nachdenken müssen, um Investitionen in entsprechendes Equipment zu tätigen. Wenn ich sagen würde, wir sind mit der derzeitigen Ausstattung von Hard- und Software zufrieden, wäre das ein Hohn. Da gibt es noch viel zu tun.

Privat sind Sie Musiker. Sie sind Bandleader der bekannten Gruppe »Die Lavanttaler«. Gibt es nach dem Lockdown nun wieder einen Lichtblick für zukünftige Auftritte?
Das heurige Jahr haben wir schon fast abgehakt. Viele Events, bei denen wir spielen hätten sollen, wurden abgesagt. Derzeit zeichnen sich ein paar kleinere Geschichten ab, bei denen wir heuer noch spielen werden.

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