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Sie wollen ein Bildungskonzept für das Lavanttal entwickeln. Was soll es konkret aussehen?
Wir stehen vor einer historischen Chance. Mit dem Technologiepark und dem neuen Bahnhof in St. Paul öffnen sich Türen, die es hier noch nie gab. Aber Infrastruktur allein bringt wenig, wenn Menschen keinen Zugang dazu haben. Genau deshalb braucht es Bildung – und zwar entlang der gesamten Kette: vom Kindergarten über die Schulen bis zur Lehre und Universität. Wir müssen Menschen befähigen, diese Chancen zu nutzen.
Wir wollen herausfinden, wo wir Lücken haben, wo junge Menschen den Anschluss verlieren und wie wir ihnen moderne Themen wie Smart Materials oder Ersatzstoffe für Öl näherbringen können. Bildung ist der Schlüssel, damit möglichst viele vom Wandel profitieren.
St. Paul ist seit 935 Jahren ein Bildungsstandort. Diese Tradition ist ein idealer Anknüpfungspunkt.
Wie weit ist das Projekt?
Der Startschuss ist gefallen. Das Stiftsgymnasium ist eingebunden, die Alpen-Adria-Universität Klagenfurt begleitet wissenschaftlich und hilft, Fördermittel aus Brüssel zu bekommen. Ich möchte, dass die Alpe-Adria-Universität im Tal spürbar wird. Forschung ist nicht nur etwas für Labore – man kann auch an kleinen Dingen forschen, die den Alltag verbessern. Und es soll kein Projekt für eine abgehobene Elite sein, sondern eines, das dem ganzen Tal Zugang zu Wissen ermöglicht. Wir sprechen auch mit der Uni Graz und der Montanuniversität in Leoben und überlegen, wo wir zusammenarbeiten können. Das wird ein Prozess, der Zeit braucht, aber er ist im Gang.
Welche Rolle spielt die Koralmbahn für die Entwicklung des Lavanttals?
Eine enorme. Wir werden zu einer Region – Graz und Klagenfurt sind in 20 Minuten erreichbar. Das verändert alles: Wohnraum, Arbeitsmarkt, Mobilität. In Graz ist Wohnen schon jetzt schwierig, daher wird das Lavanttal attraktiv werden. Aber dann müssen wir auch liefern: leistbaren Wohnraum, Kinderbetreuung, Schulen, Gastronomie, Hotels.
Und wir brauchen hoch qualifizierte Jobs. Der Technologiepark kann hier ein Motor werden. Unternehmen wie die PMS zeigen, dass wir starke Betriebe im Tal haben. Jetzt geht es darum, weitere anzuziehen.
Was erwarten Sie sich vom geplanten Technologiepark?
Er schafft neue Chancen – auch für die Universitäten. Wenn St. Paul mit dem Zug so leicht erreichbar ist, können Forschungsteams hier arbeiten, Projekte ansiedeln, Innovationen testen. Aber am Ende wird es auf das Unternehmertum ankommen. Der Park ist nur der Startschuss.
Sie sprechen von Chancen für die Zukunft. Welche Fähigkeiten brauchen junge Menschen heute?
Neugier, Mut und die Bereitschaft, sich ständig weiterzuentwickeln. Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Wer offen bleibt, wer Probleme lösen kann und Verantwortung übernimmt, wird immer gebraucht.
Sie waren 14 Jahre lang Generalsekretär im Landwirtschaftsministerium und später Vorstand im Rewe-Konzern. Das sind zwei sehr unterschiedliche Welten. Was haben Sie aus ihnen mitgenommen?
Ich habe meine Karriere immer so angelegt: Was ich mache, mache ich gut. Im Ministerium war es eine unglaublich spannende Zeit – vom EU-Beitritt mit Franz Fischler bis zu internationalen Klimaverhandlungen. Verwaltung ist komplex, Politik noch komplexer, weil viele mitreden. Aber man kann gestalten, und das hat mir Freude gemacht. In der Wirtschaft ist es klarer: Wenn die Bilanzkennzahlen passen, passt es. Bei Rewe waren es 14 Milliarden Umsatz und 17.000 Mitarbeiter in Österreich. In dieser Zeit wurde auch die »ja natürlich«-Produktreihe eingeführt. Es sind natürlich zwei Welten, die man nicht vergleichen kann – aber beide waren prägend.
Heute arbeiten Sie viel mit jungen Unternehmen bzw. Start-Ups. Was geben Sie ihnen mit?
Dass Scheitern kein Makel ist. Wir haben im vergangenen Jahr spektakuläre Start-up-Insolvenzen gesehen – aber die Gründer gehen heute anders damit um, sie kommunizieren offen. Das ist ein Kulturwandel. Unternehmertum muss wertgeschätzt werden. Wer etwas wagt, verdient Respekt.
Sie sind Vorsitzender des Universitätsrats der Alpe-Adria-Universität in Klagenfurt. Wie soll die Zusammenarbeit mit Graz aussehen?
Ich will die Uni öffnen. Unsere Rektorin Ada Pellert ist extrem umtriebig, wir kooperieren mit der Wirtschaftskammer, mit der Fachhochschule Kärnten, mit Joanneum Research in den Bereichen KI und Robotik. Die Universität soll ein Ort sein, der Zuversicht ausstrahlt und Lösungen entwickelt.
Werden die Universitäten in Graz durch die Koralmbahn nicht eine große Konkurrenz für die Alpe-Adria-Universität?
Natürlich können die Unis in Graz durch die Koralmbahn attraktiver werden. Aber Konkurrenz ist nicht das Thema. Wenn wir gute Initiativen setzen, kommen die Leute zu uns. Wir wollen uns nicht verschließen und arbeiten auch mit den anderen Universitäten zusammen.
Sie sprechen davon, dass Wissenschaft näher zu den Menschen muss. Warum und wie soll das gehen?
Weil wir heute in einer Zeit leben, in der Alarmismus dominiert. Die Wissenschaft hat in der Vergangenheit Fehler gemacht, so hat man etwa den Menschen zu wenig erklärt. Wir müssen rausgehen, reden, zeigen, dass Wissenschaft greifbar ist. Die Bildungsinitiative im Tal ist genau deshalb so wichtig.
Viele Unternehmer in Österreich klagen über die zunehmende Bürokratie. Teilen Sie diese Kritik?
Ja. Bürokratie entsteht oft aus Sicherheitsdenken. Ich habe es selbst erlebt: Wenn man Regeln abbaut, gibt es immer ein paar Schlawiner, die das ausnutzen – und schon kommen neue Regeln, um dem entgegenzutreten. Für kleine Unternehmen ist das heute oft unerträglich. Wir ersticken in Formularen.
Aber: Wir müssen auch lernen, dass wir nicht ständig nach dem Staat rufen. Man sieht ja, wie schnell nach Unterstützung vom Staat gerufen wird. Jeder muss bei sich selbst anfangen.
Sie waren Geschäftsführer des Forum Alpbach. Was bedeutete Ihnen diese Aufgabe?
Das Forum Alpbach bringt europäische Denker zusammen, um über Zukunft nachzudenken. In der Corona-Zeit war das organisatorisch extrem herausfordernd. Aber es war wichtig, diesen Ort des Dialogs zu erhalten. Ich bin dem Forum bis heute verbunden.
Sie sind seit 2013 Unternehmer. Was bedeutet Ihnen Selbstständigkeit?
Sehr viel. Ich habe dadurch keinen Chef mehr, ich kann ganz nach meinem Willen gestalten. Unternehmertum wird in Europa oft unterschätzt. In den USA ist das anders – dort wird Mut gefeiert. Das wünsche ich mir auch hier.
Wie sehen Sie die Start-up-Szene in Kärnten?
Kärntenweit tut sich in diesem Bereich einiges. Das Gründungszentrum »Build!« hat dabei Pionierarbeit geleistet, und viele Initiativen kommen aus der Uni. Das Potenzial ist da – jetzt müssen wir es nutzen.
// Zur Person
Werner Wutscher wurde am
3. Mai 1968 in Wolfsberg geboren. Er war von 1994 bis 1999 Kabinettchef des Bundesministers für Land- und Forstwirtschaft unter den Bundesministern Franz Fischler und Wilhelm Molterer.
Von 2000 bis 2007 war Wutscher Generalsekretär des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft.
Von 2007 bis 2011 war der Lavanttaler Mitglied des Vorstands von REWE International. Von 2020 bis 2022 war er Generalsekretär des Europäischen Forum Alpbach.
2013 gründet er das Unternehmen New Venture Scouting, St. Paul GmbH.

Von Michael Swersina
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