Michaela Lientscher: »Durch meine Arbeit sehe ich täglich die Sorgen und Probleme der Menschen«Ausgabe 13 | Mittwoch, 31. März 2021

Die neue SPÖ-Vizebürgermeisterin von Wolfsberg, Michaela Lientscher (47), im Gespräch mit den Unterkärntner Nachrichten über ihre Gründe in die Politik zu geben, die Angelobung in Wolfsberg, Vorhaben für die Zukunft und ob es mehr Frauen in der Politik braucht.

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Können Sie sich unseren Lesern kurz selbst vorstellen?
Ich bin als erstes begeisterte Mama. Ich habe zwei Kinder, 16 und 18 Jahre alt. Ich bin im Zivilberuf Ärztin, Internistin  im LKH Wolfsberg, wo ich für die internistische Notaufnahme zuständig bin, und seit vielen Jahren praktizierende Notärztin.

Wie sind Sie in die Politik gekommen?´
Ich bin zwar in der Politik ein Neuling, war aber schon immer ein politischer Mensch. Es gab in meinem Leben keine Ausbildungsstufe, in der ich nicht Meinungen von Menschen vertreten habe: Sei es in der Schule oder als Turnusärztesprecherin oder Ausbildungssprecherin der Assistenzärzte. Ich habe auch jahrelang in der Ärztekammer die Interessen unserer Berufsgruppe vertreten. Ich trug schon immer politische Haltung in mir. 

Sie hatten aber noch nie eine politische Funktion inne?
Parteipolitik ist neu für mich. Es war mir aber immer klar, dass ich irgendwann einmal in die Politik einsteigen werde. 

Warum ist Ihre Entscheidung auf die SPÖ gefallen?
Das ist eine Haltung, die immer schon in mir war. Ich bin in meinem Erwachsenenleben immer Sozialdemokratin gewesen. Das war bislang nach außen halt nicht sichtbar.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich für die Wahl aufstellen ließen?
Ich habe gesehen, dass ich als Ärztin in engem Kontakt mit den Menschen stehe, viele Probleme sehe und auch zahlreiche Ideen habe. Meine Position als Ärztin war aber nicht ausreichend, um Veränderungen zu erreichen. Das war der Hauptgrund, warum ich mich gemeldet habe. Ich hätte mich zu diesem Zeitpunkt schon riesig gefreut, wenn ich nur die Möglichkeit bekommen hätte, im Gemeinderat mitzuarbeiten. Dass es jetzt eine so bedeutende Rolle wurde, ist für mich eine große Ehre. 

Es war Ihr erster Wahlkampf, der wegen Corona nur eingeschränkt geführt werden konnte. Wie haben Sie diesen Wahlkampf erlebt?
Er war trotzdem sehr professionell, und einzelne Aktionen, die möglich waren, waren gut durchdacht. Man hat sehr darauf geachtet, keine Covid-Maßnahmen zu missachten. Für mich als Person hatte ich – außer über Facebook – kaum Möglichkeiten, mich vorzustellen. Daher war ich sehr überrascht, dass mich doch weit mehr Menschen kennen als ich vermutet hatte. Ich habe mich aber auch dazu entschlossen, an meinem Arbeitsplatz keinen Wahlkampf zu betreiben. Das halte ich für nicht richtig. Ich habe von vielen Menschen gehört, dass sie mich, aber auch andere Kandidaten gerne persönlich getroffen hätten, um uns kennenzulernen. Das war in der jetzigen Situation aber leider nicht möglich.  

War es ein fair geführter Wahlkampf?
Ich habe in den Diskussionen der Bürgermeisterkandidaten sehr viel gesehen. Es gab viel, dass ich als fair und offen empfunden habe.  Es gab auch Themen, auf die man sich permanent eingeschossen hat. In Summe glaube ich, dass es ein normaler, fairer Wahlkampf war, ohne ganz gravierende Untergriffe.

Was sagen Sie zum Ergebnis der Gemeinderatswahl?
Abzusehen war es für mich nicht. Ich hatte die Erwartung, wenn es ein ähnliches Ergebnis wird wie bei der Wahl 2015, ist das schon super. Dass es einen so großen Zugewinn gab, mit einem neuen Bürgermeister und einem doch großteils neuen Team, war dann doch eine Überraschung. Das war wirklich ein großer Vertrauensbeweis.

In der Vorwoche wurden Sie als Vizebürgermeisterin angelobt. Was war das für ein Moment für Sie?
Es war ein sehr würdiger und gleichzeitig sehr auf die aktuelle Situation bezogener Moment. Denn mit einem Einmal-Handschuh bei der Angelobung dem Bezirkshauptmann die Hand zu geben, hat auch gezeigt, dass diese Angelobung in einer Zeit stattfindet, die andere Regeln hat. Es war die Feierlichkeit da, aber auch die Präsenz der aktuellen Lage. 

Was waren die Reaktionen aus Ihrem privaten bzw. beruflichen Umfeld zur Ernennung zur Vizebürgermeisterin?
Ich habe nur positive Reaktionen erhalten, und es war eine breite Palette. Mir haben viele Menschen gesagt, dass sie es super finden, dass ich das nun mache. Auch meine Kinder waren dabei sehr wichtig. Die kennen mich und wissen, dass sie eine Mama haben, die eine rege und beschäftigte Frau ist. Sie haben sich riesig gefreut, haben mir aber auch gesagt, dass ich mein Zeitmanagement gut planen müsse, um in Zukunft ausreichend Zeit für sie zu haben.

Für welche Referate sind Sie in Zukunft zuständig?
Das ist ein sehr großer Bogen, der zu spannen ist. Mein Referat beinhaltet Gesundheit, Soziales, Kunst und Kultur. Das sind Themen, die sich gerade in der Pandemie auch sehr oft gegenüberstehen.

Was möchten Sie in Ihrer Amtszeit umsetzen?
Dadurch, dass ich in der Notaufnahme tätig bin, sehe ich ständig die Sorgen und Probleme der Menschen. Ein vorrangiges Thema ist für mich, dass von Jahr zu Jahr mehr junge Menschen Kontakt zu Substanzen, seien es Medikamente oder Drogen, haben. Das ist wirklich ein Thema, bei dem wir hinschauen müssen, und das ist eines der ersten Dinge, die ich angehen möchte. Ich möchte dazu alle Menschen, Organisationen und Vereine für einen Informationsaustausch an einen Tisch bekommen, woraus wir ableiten können, was es braucht.

Ein großer Kritikpunkt in den vergangenen Jahren war immer wieder, dass es keine Kinderabteilung im LKH Wolfsberg gibt. Gibt es dafür irgendwelche Pläne?
Ich habe dazu eine klare Meinung. Es ist eine Tatsache, dass im LKH Wolfsberg jeder, der zu uns kommt, versorgt wird, unabhängig vom Alter. Es ist aber auch eine Tatsache, dass Kinderheilkunde bis zum 18. Lebensjahr geht. Wir haben dazu einen regen Austausch mit dem Klinikum Klagenfurt. Und man möchte die Kinder dort haben. Um eine Kinderabteilung zu führen, braucht es außerdem sieben Fachärzte. Das ist eine Ressource, die wir nicht haben.

Ist im Bereich Kultur in den kommenden Jahren etwas angedacht?
Kunst und Kultur ist derzeit in einer Situation, in der vieles brach liegt. Bis vor wenigen Woche hätte ich die Bedeutung des Vereinslebens nicht so erkannt, wie ich es jetzt sehe. Im Zuge der Corona-Pandemie hat sich mir erst erschlossen, welch große Stütze die Vereine sind. Einer meiner ersten Schritte wird es sein, auf die Vereine zuzugehen, sie zu ermutigen durchzuhalten und zu fragen, was sie dafür benötigen. Mir ist es ein großes Anliegen, dass das Vereinswesen auch in Zukunft funktioniert.

Es gibt zahlreiche Corona-Hilfsmaßnahmen von Bund und Land. Welche Möglichkeiten hat eine Stadtgemeinde, um ihre Bürger zu unterstützen?
Es ist dabei wesentlich zu verstehen, wem es wie geht. Man muss herausfinden, wer braucht Hilfe, wer kommt trotz Krise gut durch. Das kann man jetzt in ein oder zwei Sätzen gar nicht sagen.

Mit finanziellen Unterstützungen von Seiten der Gemeinde sieht es aber eher schlecht aus, oder?
Es werden trotzdem Projekte weiterlaufen und unterstützt. Wie weit finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, ist schwer vorherzusagen, da man nicht weiß, was die kommenden Monate bringen. Es gibt aber andere Möglichkeiten, wie das Sichtbarmachen, Netzwerken, Informationen teilen.

Es wird immer behauptet, es gäbe zu wenig Frauen in der Politik. Stimmt diese Aussage?
Ich denke, dass es mehr sein könnten. Der Trend ist aber da, und es werden immer mehr. Vielleicht verlaufen Karrieren von Frauen anders, weil der Fokus, wenn man kleine Kinder hat, ein anderer ist. Vielleicht steigen Frauen erst später in die Politik ein, wie es bei mir der Fall war. Ich glaube, das Bild wird sich ändern, wenn sie sehen, dass die Bedingungen passen.

Sie sagten, dass Ihr Sohn Sie gefragt hat, warum es keinen Männerminister gibt. Was haben Sie geantwortet?
(Lacht.) Dass ich es eigentlich auch nicht verstehe. Ich denke, es wird bald so sein, um die Balance zu halten, dass der Blick auf die Männer gerichtet werden muss. Ich erlebe immer mehr Männer, die sich trauen, die Papakarenz anzutreten. Es gilt sicher in vielen Bereichen, die Männer zu stärken.

Sie sind Ärztin. Sind Sie bereits gegen Corona geimpft?
Ja, das bin ich. Ich war eine der ersten im Krankenhaus, die geimpft wurde, weil ich in meinem Tätigkeitsfeld sehr viel mit Coronapatienten zu tun habe.

Viele Menschen würden sich gerne impfen lassen, haben aber  Angst davor. Was können Sie ihnen sagen?
Die Entwicklung der Impfstoffe war eine einzigartige Leistung. Erstmals wurde das gesamte Wissen ausgetauscht, und dadurch konnten die Impfstoffe so schnell entwickelt werden. Man kann guten Gewissens den Impfstoff anwenden.

Es gibt in Wolfsberg Märsche gegen die Covid-Maßnahmen. Was sagen Sie diesen Menschen?
Ich verstehe, dass aufgrund der Dauer und der vielen Veränderungen Menschen verzweifelt sind. In Summe  halte ich die Maßnahmen  für gerechtfertigt, auch wenn sie hart erscheinen und es wirtschaftliche Einbußen gibt. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mit dieser Krankheit fertig werden müssen, damit sie nicht ständig unseren Alltag durchkreuzt. Deswegen bitte ich, Maßnahmen, die notwendig sind, durchzuhalten.

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