Artikel
Sie haben am 8. Feber die Silber-Medaille bei den Olympischen Spielen in Italien im Snowboard-Parallel-Riesentorlauf gewonnen. Wie fühlt es sich an, nach all den Höhen und Tiefen endlich auf dem Podest zu stehen?
Es ist einfach unglaublich. Der Weg dorthin war wirklich lang und oft auch schmerzhaft. 2014 habe ich zum ersten Mal versucht, mich für die Olympischen Spiele in Sotschi (RUS) zu qualifizieren, damals hat es nicht gereicht. 2018 in Pyeongchang (KOR) war ich schon bei der Einkleidung in Wien, zehn Tage vor dem Rennen verletzte ich mich – und plötzlich war alles vorbei. 2022 in Peking (CHN) passte eigentlich alles perfekt – bis ich am Tag vor dem Rennen positiv auf Covid getestet wurde. Ich habe mir nur gedacht: Das kann nicht sein. Diese drei Rückschläge haben mich geprägt. Deshalb war ich heuer extrem nervös und hatte ständig Angst, dass wieder etwas passiert. Vor allem die Woche vor dem Rennen war sehr angespannt.
Wie sehr hat Sie diese Vorgeschichte beeinflusst?
Sehr. Ich war schon beim Training vorsichtig, weil ich nichts riskieren wollte. Vier Tage vor dem Rennen das Wort »Virus« zu hören – das löst bei mir bis heute Gänsehaut aus. Zwei Tage vor dem Rennen war ich komplett durch den Wind. Am Tag vor dem Rennen wurde es dann besser. Da habe ich mir gesagt: »Ich bin nicht krank, ich bin bereit. Es wird schon passen.« Aber die Nervosität war trotzdem da.
Wie haben Sie sich auf das Olympia-Rennen vorbereitet?
Ich bin kaum aus dem Hotel gegangen, um kein Risiko einzugehen, im letzten Moment noch eine Krankheit einzufangen oder mich zu verletzen. Ich habe mich diesmal anders als sonst vorbereitet und vor allem im mentalen Bereich viel gearbeitet. Am Tag vor dem Rennen habe ich dann mit den jungen Freestylerinnen noch Puzzle gebaut, das hat viel Spaß gemacht.
Sie und Ihr Mann, der Snowboarder Alex Payer haben sich zum dritten Mal gemeinsam qualifiziert, heuer konnten Sie endlich beide gemeinsam starten. Wie besonders war das?
Extrem besonders. Wir haben so lange darauf hingearbeitet, einmal gemeinsam bei Olympia am Start zu stehen. Dass es heuer endlich geklappt hat, war für uns beide ein großer Moment.
Im Jänner haben Sie sich beim Weltcup in Scuol (SUI) am Sprunggelenk verletzt. War das ein Schock?
Das war ein richtiger Schock. Ich habe sofort gedacht: Das darf jetzt nicht wahr sein. Das Gelenk hat sich fremd angefühlt, deshalb habe ich im kleinen Finale auf den Start verzichtet und bin ins Krankenhaus. Zum Glück war es »nur« eine Prellung, aber mental war der Jänner sehr schwierig. Ich habe die folgenden Rennen in Bansko (BUL) ausgelassen, weil ich nichts riskieren wollte.
Im Olympia-Rennen hat man von der Verletzung und dem Olympia-Trauma nichts gemerkt. Wie haben Sie das ausgeblendet?
Im Training habe ich es gespürt, aber im Rennen ist es anders. Da hat man so viel Adrenalin. Man weiß, wofür man jahrelang gearbeitet hat. Für mich war Olympia immer das große Ziel meiner Karriere. Ich wusste: Wenn ich nicht Vollgas gebe, wird das nichts. Und es ist gut ausgegangen.
Wie zufrieden waren Sie mit Ihrer Leistung im Finale? Wäre mehr drin gewesen?
Ich habe wieder voll attackiert, aber gleich nach dem Start einen kleinen Hackler gehabt. Dadurch war ich sofort ein Stück hinter Zuzana Maderova. Ich versuchte dann noch mal aufzuholen, machte dadurch aber noch einen Fehler – und das war es dann. Gegen Esther Ledecká (Anm.: zweifache Goldmedaillengewinnern im Parallel-Riesentorlauf) im Viertelfinale war ich mit 110 Prozent unterwegs. Ich hätte da auch schon nach dem zweiten Tor ausfallen können, aber da hat einfach alles gepasst. Im Finale hat es leider nicht so geklappt.
Wie haben Sie eigentlich Ihre Olympia-Vorgeschichte verarbeitet?
Das war brutal. Viele hätten wahrscheinlich aufgegeben. Aber ich wollte es unbedingt noch einmal probieren und zu den Olympischen Spielen. Ende des vergangenen Sommers kam die Motivation zurück. Vielleicht brauchte es diese Enttäuschungen, um jetzt so weit zu kommen. Ich war 2022 in China bei den Spielen, aber ich bin nicht gestartet – das war eine Lücke. Jetzt habe ich sie geschlossen.
Wie wichtig war Ihr Umfeld bei der Verarbeitung und der Vorbereitung?
Sehr wichtig: Familie, Trainer, Freunde – und auch mein Mann Alex. Für ihn ist es heuer leider nicht so gelaufen. Aber er hat sich so ehrlich und riesig für mich gefreut. Das bedeutet mir unglaublich viel.
Sie wurden in Wolfsberg geboren und lebten ein paar Jahre dort. Welche Verbindung haben Sie heute noch zu Wolfsberg?
Ich habe bis zu meinem vierten Lebensjahr in Wolfsberg gelebt, und die halbe Verwandtschaft lebt noch im Lavanttal. Meine Cousine aus dem Tal war sogar bei den Rennen bei den Olympischen Spielen dabei und hat mich unterstützt.
Was steht heuer noch auf dem Programm?
Ich fahre jetzt einmal diese Saison fertig. Es gibt noch sechs Einzelrennen, die möchte ich genießen und eine gute Leistung abliefern. Bei jedem Rennen auf dem Podium zu landen wäre ein Traum. Der März wird dann entspannter werden – da kann ich dann die Silbermedaille richtig genießen.
Und die Karriere? Denken Sie, in vier Jahren noch einmal bei Olympischen Spielen an den Start zu gehen?
Ich hatte viele Verletzungen, das steckt man nicht einfach weg. Ich habe noch keine Pläne für meine weitere Karriere gemacht. Jetzt fahre ich einmal die Saison zu Ende. Wie es danach aussieht, wird sich zeigen.
Wie waren die Reaktionen von der Familie, Bekannten und Verwandten nach dem Gewinn der Silber-Medaille?
Die Glückwünsche und Gratulationen waren überwältigend, die Anteilnahme war riesig. Auch viele meiner internationalen Konkurrentinnen haben sich ehrlich mit mir gefreut, dass ich es mit meiner Olympia-Geschichte geschafft habe, eine Medaille zu holen.
// Zur Person
Sabine Payer (34) wurde am 28. Juli 1992 in Wolfsberg geboren. 2007 nahm sie erstmals an einem Snowboard-Europacup-Rennen teil, ihre Weltcup-Premiere feierte sie im Jänner 2009 in Bad Gastein.
Bei Weltmeisterschaften gewann Payer bislang einmal Silber und zwei Mal Bronze. Bei Juniorenweltmeisterschaften holte sie zwei Titel und zwei Bronzemedaillen.
Payer wohnt mittlerweile in St. Georgen am Längsee. Sie ist aktive Sportlerin des Heeressportzentrums des Österreichischen Bundesheers.
Seit Juli 2024 ist sie mit dem Snowboarder Alexander Payer verheiratet.

Von Michael Swersina
MSC-Obmann Klösch: »Wenn der Eintritt nicht funktioniert, dann stirbt die Rallye«
Gerhard Veidl: »Wir müssen Jugendliche auf eine schnellere Welt vorbereiten«
Emanuel Schwabe: »Wir sprechen von einem Verlust von 99 Prozent der Fische«
0 Kommentare Kommentieren
Keine Kommentare gefunden!