Peter Handkes unerwarteter Heimatbesuch und der mediale Wellengang nach seinem AusrasterAusgabe 43 | Mittwoch, 23. Oktober 2019

Vergangene Woche beherrschte ein Thema europaweit die Medien: Peter Handkes zorniger Interviewabbruch in Griffen nach einer kritischen Journalistenfrage. Auch die Unterkärntner Nachrichten waren – eigentlich wegen der Gemeinderatssitzung – vor Ort.

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Griffen. Verstörte Gesichter, ein zorniger Nobelpreisträger, Anwesende, die nicht wussten, wie sie sich verhalten sollten. So endete ein Auftritt von Peter Handke im Griffner Gemeindeamt. Dabei hatte alles ganz anders begonnen.

Gemeinderatssitzungen gehören zum täglichen Brot eines Lokalredakteurs. Manchmal können sie sehr spannend sein, meist verlaufen sie aber eher unspektakulär. Unerwartetes passiert selten – und so war es auch am vorvergangenen Dienstag. Die Gemeinderatssitzung in Griffen verlief geregelt, Diskussionen gab es nur bei wenigen Punkten – und doch war diesmal alles anders. Bereits beim Betreten des Gemeindeamts stach einem eine Filmkamera ins Auge, im Foyer standen mit weißen Leintüchern versehene Stehtische und Weingläser waren vorbereitet. 

Auf Nachfrage war dann der Grund schnell zu erfahren – hoher Besuch wurde nach dem Sitzungsende erwartet. Literaturnobelpreisträger Peter Handke hatte sein Kommen zugesagt und sollte vom Griffner Gemeinderat und von Landeshauptmann Peter Kaiser geehrt werden. Das änderte natürlich schlagartig die Pläne jener Medienvertreter, die im Vorfeld nichts davon gewusst hatten – die Gelegenheit Handke in seiner Heimatgemeinde zu erleben, musste genutzt werden.

Journalisten als Dorn im Auge

Kurz vor 22 Uhr war es schließlich so weit und Handke kam zu Fuß von seinem Quartier in Begleitung seines Freundes Valentin Hauser zum Gemeindeamt, wo er bereits vor dem Eingang von Kaiser und Bürgermeister Josef Müller erwartet wurde. Die anwesenden Journalisten und die auf ihn gerichteten Kameras waren ihm sofort ein Dorn im Auge. »Warum sind sie hier?«, fragte er auch in Richtung von Müller und Kaiser, da er mit einem informellen Treffen gerechnet hatte. Ursprünglich war Handkes Heimatbesuch schon lange vor der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises geplant gewesen und nicht von offizieller Natur.  Der herzliche Empfang ließ Handke aber zunächst darüber hinwegsehen.

Unter dem Applaus der Gemeinderäte betrat Handke schließlich das Amtsgebäude. Im Foyer überreichte ihm zuerst Bürgermeister Müller ein Bild des Künstlers Walter Heimhilcher, das den Stiegenaufgang von Stift Griffen zeigt. »Griffen ist stolz auf dich und auch du kannst wahnsinnig stolz sein. Wir fühlen uns geehrt, dass du gekommen bist«, so der Bürgermeister. Der Landeshauptmann überreichte ihm eine Pfeffermühle, gefertigt aus Kärntner Holz, damit er seine »Speisen so schärfen könne wie seine literarischen Werke«.

Der Eklat

Handke nahm die Geschenke dankend entgegen und bezeichnete das Bild als »großartig«, gab sich aber sonst sehr wortkarg und wollte zunächst keine Fragen beantworten. Auf Drängen einer Journalistin des ORF ließ er es dann aber doch zu. Als er in der zweiten Frage auf die Kritik des aus Bosnien und Herzegowina stammenden deutschsprachigen Schriftstellers Saša Stanišić angesprochen wurde, der Handkes Literatur zu Serbien scharf kritisiert, verlor der Literaturpreisträger die Fassung. »Ich bin nicht hier, um diesen Scheißdreck zu beantworten, und jetzt verschwinden Sie bitte«, sagte er gereizt und brach das Interview brüsk ab. 

»Lasst mich in Frieden«

Die Kamera blieb weiter auf Handke gerichtet, als er dann zu einem verbalen Rundumschlag gegen die Medien ausholte. Handke wörtlich: »Ich steh vor meinem Gartentor und da sind 50 Journalisten. Und alle fragen nur wie Sie und von keinem Menschen, der zu mir kommt, höre ich, dass er sagt, dass er irgendetwas von mir gelesen hat, dass er weiß, was ich geschrieben hab, es sind nur die Fragen: Wie reagiert die Welt, Reaktion auf Reaktion. Ich bin ein Schriftsteller, komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen.« Handke sagte noch weiter, dass Journalisten sich in ihre »Medienlöcher zurückziehen sollen« und er nie wieder Fragen von Journalisten beantworten wolle.

Schockstarre

Die Situation schien allen Anwesenden äußerst unangenehm zu sein – manche schienen im ersten Moment nicht recht glauben zu können, was sie sahen und hörten. 

Noch in derselben Nacht gingen die ersten Medienberichte über Handkes Ausraster online und brachten so den Stein ins Rollen. Am nächsten Tag gab es auch Szenen aus dem Interview zu sehen. Ein eigentlich für den darauffolgenden Tag anberaumter offizieller Pressetermin mit Handke in Griffen wurde ersatzlos gestrichen und die Diskussionen zwischen Befürwortern und Kritikern des Literaten werden wohl noch andauern. Die Schwedische Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt, bekräftigte in einer Aussendung, dass sie hinter der Entscheidung, Handke auszuzeichnen, steht.

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