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Pflanzenbaudirektor Roscher: »Im April gab es ein massives Niederschlagsdefizit«Ausgabe 19 | Mittwoch, 6. Mai 2026

Der Pflanzenbaudirektor der Landwirtschaftskammer, Erich Roscher (60), spricht im Interview über die Trockenheit im Lavanttal, welche Betriebe davon betroffen sind und was die Landwirtschaftskammer rät.

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Unterkärntner Nachrichten Redakteur Michael Swersina Von Michael Swersina m.swersinano@spamunterkaerntner.at
Links: Erich Roscher ist seit 2018 Pflanzenbaudirektor der Landwirtschaftskammer Kärnten. Er berichtet von einem Rückgang des Niederschlags im Vergleich zum Vorjahr um 47,4 Prozent. Rechts: Am stärksten betroffen von der anhaltenden Trockenheit sind aktuell Grünland- und viehhaltende Betriebe. Fotos: LK

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Die Wetterstation St. Andrä hat bis 4. April im heurigen Jahr erst 72 Millimeter Niederschlag gemessen. Das ist ein Defizit von 47,4 Prozent  zum langjährigen Durchschnitt. Welche Gebiete im Lavanttal sind derzeit am stärksten von der Trockenheit betroffen und woran liegt das?
Besonders betroffen sind die leichteren, durchlässigen Böden in den Tal- und Hanglagen des gesamten Lavanttals. Böden mit geringerer Wasserspeicherfähigkeit – etwa sandige oder flachgründige Standorte – trocknen deutlich schneller aus. Verstärkt wird die Situation durch ausbleibende Niederschläge über mehrere Wochen sowie jetzt durch hohe Temperaturen und zunehmende Verdunstung.

Welche landwirtschaftlichen Betriebe leiden am meisten unter der Trockenheit – Ackerbau, Grünlandbetriebe, Obstbau oder Viehhalter?
Am stärksten betroffen sind aktuell Grünlandbetriebe und viehhaltende Betriebe, da sie unmittelbar auf ausreichende Niederschläge für das Pflanzenwachstum angewiesen sind. Auch Ackerbaubetriebe vermelden zunehmend deutliche Stresssymptome bei Winter- und Sommergetreide. Einige Bauern haben schon begonnen Getreideflächen zur Grünfutternutzung zu mähen. Obstbaubetriebe sind weniger betroffen, die Obstbäume wurzeln tief, noch reichen die Winterniederschläge aus. Bei Mais und Sojabohnen gab es einen guten Feldaufgang, nun ist rasch Niederschlag notwendig, damit es zu keinen Schäden kommt.

Gibt es bereits konkrete Ertragseinbußen oder Schäden, die gemeldet wurden, und wie hoch schätzen Sie die wirtschaftlichen Auswirkungen ein?
Erste Ertragseinbußen sind bereits sichtbar, insbesondere im Grünland. Die erste Mahd wird vielerorts deutlich geringer ausfallen, und auch für die zweite Mahd sind, sollte es nicht bald regnen, deutliche Mindererträge zu erwarten. Konkrete Schadensmeldungen nehmen zu, wobei die wirtschaftlichen Auswirkungen derzeit noch schwer abschließend zu beziffern sind. Je nach weiterem Witterungsverlauf muss jedoch mit finanziellen Einbußen gerechnet werden.

Wie wirkt sich die Trockenheit auf die Futterversorgung der Tierhalter aus, insbesondere im Hinblick auf die erste und zweite Mahd?
Die Futterversorgung ist angespannt. Die erste Mahd wird geringere Mengen bringen, und bleiben die Niederschlägen weiter aus, verzögert sich das Nachwachsen erheblich. Die zweite Mahd wird dann auch geringer ausfallen. Dadurch steigt der Druck auf Betriebe, Futter zukaufen zu müssen oder ihre Bestände anzupassen.

Welche langfristigen Trends beobachten Sie im Lavanttal: Wird Trockenheit zunehmend zum Normalfall?
Die Beobachtungen der vergangenen Jahre zeigen eine klare Tendenz: Trockenperioden treten häufiger auf, dauern länger und fallen intensiver aus. Gleichzeitig verschieben sich Niederschlagsmuster, mit mehr Starkregenereignissen und längeren niederschlagsfreien Phasen. Trockenheit entwickelt sich zunehmend zu einem strukturellen Risiko für die Landwirtschaft in der Region.

Hat die Landwirtschaft im Lavanttal eine Zukunft?
Ja, die Landwirtschaft im Lavanttal hat weiterhin Zukunft, jedoch unter veränderten Rahmenbedingungen. Anpassungsfähigkeit wird zum entscheidenden Faktor.

Wie gut sind die Betriebe im Lavanttal inzwischen auf wiederkehrende Trockenperioden vorbereitet, und wo sehen Sie noch große Lücken?
Viele Betriebe haben bereits erste Anpassungsschritte gesetzt, etwa durch veränderte Bewirtschaftung oder angepasste Sortenwahl.

Welche kurzfristigen Maßnahmen können Landwirte jetzt setzen, um Schäden zu begrenzen?
Kurzfristig stehen folgende Maßnahmen im Vordergrund: der frühzeitige Futterzukauf zur Absicherung der Versorgung der Tiere. Dazu sollte man auch die Futtermittelplattform der Landwirtschaftskammer nutzen. Weiters sollte man Futterzwischenfrüchte einplanen und eine Risikovorsorge, wie zum Beispiel die Dürreindexversicherung der Österreichischen Hagelversicherung abschließen.

»Erste Ertragseinbußen sind bereits sichtbar, insbesondere im Grünland« 
Erich Roscher, Pflanzenbaudirektor LK Kärnten

Welche mittel- und langfristigen Strategien empfiehlt die Landwirtschaftskammer?
Empfohlen werden unter anderem: Die Fruchtfolge mit trockenresistenteren Kulturen wie Hirse ergänzen und trockenheitsresistente Sorten verwenden. Die Anpassung der Fruchtfolgen und Nutzungssysteme. Wichtig ist auch der Humusaufbau zur Verbesserung der Wasserspeicherfähigkeit der Böden und die Diversifizierung der Betriebszweige zur Risikostreuung. Weiters sollen  digitalen Entscheidungshilfen und Beratung verstärkt genutzt werden. Investitionen in Bewässerung und Wasserspeicherung sind nur dort zu tätigen, wo es auch sinnvoll ist: Sonderkulturen, Obst und Gemüse.

Gibt es Förderprogramme oder Unterstützungsmaßnahmen, die Landwirte in solchen Situationen in Anspruch nehmen können?
Ja, es bestehen verschiedene Fördermöglichkeiten, etwa im Rahmen der ländlichen Entwicklung, für Investitionen in Bewässerung oder Klimaanpassungsmaßnahmen. Auch Beratungsangebote werden gezielt ausgebaut.

Wie arbeitet die Landwirtschaftskammer mit Gemeinden, Wasserverbänden oder dem Land Kärnten zusammen?
Ja natürlich beherrscht das Thema Trockenheit die Debatten in allen Gremien.

Die Österreichische Hagelversicherung bietet eine spezielle Grünland-Dürreversicherung an. Wie wird diese in Anspruch genommen?
Die Grünland-Dürreversicherung wird von den Landwirten zunehmend stärker nachgefragt. Viele Betriebe erkennen die Notwendigkeit, sich gegen klimatische Risiken abzusichern. Dennoch besteht weiterhin Informationsbedarf, und die Inanspruchnahme ist noch ausbaufähig. Insgesamt zeigt sich jedoch ein klarer Trend hin zu einem bewussteren Risikomanagement.

// Zur Person
Erich Roscher (60) ist seit 2018 Pflanzenbaudirektor der Landwirtschaftskammer Kärnten. Seine Ausbildung absolvierte er an der Landwirtschaftlichen Fachschule Goldbrunnhof, der HBLA Raumberg und der Universität für Bodenkultur (BOKU).
Roscher ist führender Referent für landwirtschaftliche Aus- und Weiterbildungen, insbesondere im Pflanzenschutz. Er leitet Kurse und spezielle Weiterbildungen. Roscher ist mit Birgit verheiratet und hat drei Töchter. 

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