Artikel
Sie haben 2023 zusammen mit der FH Kärnten eine Studie zur Energiegewinnung und -nutzung in Kärnten gemacht. Von wem kam der Auftrag?
Der Auftrag lautete: »Entwicklung einer Energiestrategie für das Land Kärnten«. Es war das Ziel, den alten Energiemasterplan aus dem Jahr 2013 durch die neue Strategie zu ersetzen. Nicht nur wissenschaftlich, auch durch einen Stakeholder-Prozess begleitet, und daraus sollten Maßnahmen entwickelt werden. So wie es im Bereich Klima mit 100 Maßnahmen war.
Zu welchem Ergebnis kam die Studie?
Es wurde ein Modell des Energiesystems in Kärnten erstellt. Es basiert unter anderem auf einer Energiebedarfsprognose für Kärnten bis 2040 und einer Analyse der in Kärnten vorhandenen technisch-wirtschaftlichen Potenziale. Mit Hilfe des Modells können Antworten gegeben werden auf Fragen wie »Welche Erzeugungstechnologien werden benötigt?«, »Welchen Speicherbedarf gibt es?«, »Welche Handlungsnotwendigkeiten und Gestaltungsspielräume ergeben sich?« Der Abschlussbericht mit den Antworten auf die vom Auftraggeber gestellten Fragen liegt dem Auftraggeber – ehemals die Landesabteilung 15, jetzt die Abteilung 7 – vor. Neue Fragen aus der laufenden energiepolitischen Diskussion können gestellt und anhand des Modells beantwortet werden. Ein mögliches Szenario zur Zielerreichung 2040 basiert auf einem Ausbau der Erneuerbaren mit einem Ertrag von ca. fünf Terawattstunden (TWh) pro Jahr, der im Wesentlichen im Bereich PV und Wind erfolgt.
Was hat Sie dabei selbst überrascht – positiv wie negativ?
Positiv: Die Ziele, die sich Kärnten gesetzt hat, wie der 100-Prozent-Anteil der Erneuerbaren am Endenergieverbrauch, sind realistisch.
Warum wurde die Studie nie veröffentlicht?
Der Auftraggeber der Studie ist das Amt der Kärntner Landesregierung. Die Zwischenergebnisse, die Präsentationen der ersten beiden Stakeholder-Workshops, wurden auf der Homepage der Abteilung 15 veröffentlicht. Die Veröffentlichung des Abschlussberichts ist dem Auftraggeber vorbehalten.
Wie entwickelt sich der Energiebedarf in Kärnten in den nächsten Jahren — und welche Faktoren treiben ihn am stärksten?
Energie ist nicht gleich Energie. Es gibt die Nutzenergie, das ist die Energie, die wir z. B. in Form von Raumwärme, klassischen Stromanwendungen oder Mobilität nutzen. Dann gibt es die Endenergie, das ist die Energie, aus der wir die Nutzenergie erzeugen, z. B. Holz oder Heizöl für die Raumwärme oder Diesel für das Auto. Und schließlich die Energie, die wir benötigen, um die unterschiedlichen Endenergien bereitstellen zu können. Will man Biomasse für die Biogaserzeugung oder Strom für die Erzeugung von Wasserstoff nutzen. Während der Nutzenergiebedarf in etwa gleich bleiben wird, kann der Endenergiebedarf deutlich sinken, im Wesentlichen durch zwei Maßnahmen: Bei der Raumwärme durch die thermische Gebäudesanierung und im Verkehr durch den Umstieg von der Verbrennertechnologie auf die Elektromobilität. Entschlossenes Handeln vorausgesetzt, sind im Endenergiebedarf 2040 Einsparungen bis zu 30 Prozent gegenüber 2019 realistisch.
Wo sehen Sie die größten Potenziale für zusätzliche Energieerzeugung im Land?
Weil die Wasserkraft sowie die Potenziale an Biomasse Holz bis auf Restpotenziale weitgehend ausgeschöpft sind, liegen die großen Erzeugungspotenziale in Kärnten – wie auch in vielen anderen Bundesländern – im Bereich Photovoltaik und Wind.
Wie groß ist die Lücke zwischen dem heutigen Energiebedarf und dem, was Kärnten selbst erzeugen kann?
Zu Studienbeginn wurden die Daten für 2019 ausgewertet. Die Ergebnisse wurden in einem Beitrag für das Forschungsforum der Fachhochschulen im Mai 2025 veröffentlicht. Der Endenergiebedarf betrug rund 22 TWh. Davon musste ziemlich genau die Hälfte, also rund elf TWh, hauptsächlich durch die fossilen Energieträger Kraftstoff, Heizöl und Gas importiert werden. Die Lücke betrug also in etwa elf TWh.
Windkraft ist in Kärnten politisch und gesellschaftlich umstritten. Wie bewerten Sie das Potenzial — und die Widerstände?
Den lauwarmen Eislutscher gibt es nicht. So ehrlich muss man sein. Aber es gibt Gestaltungsspielräume. Man kann vom Ziel der Energieunabhängigkeit – 100 Prozent Erneuerbare, nicht Autarkie – abrücken. Man kann durch Verzicht den Nutzenergiebedarf reduzieren. Oder man kann durch Heben von Effizienzpotenzialen in der Energienutzung und gleichzeitigem entsprechenden Ausbau der Erneuerbaren ein Energiesystem der Zukunft gestalten. Und das ohne Einschränkung des durch den Energieverbrauch gestifteten Nutzen, also ohne Komfortverlust.
Was mir bei der Diskussion um Windkraft immer abgeht, ist, dass man nie über die Chancen von Windrädern für die Standortgemeinden spricht. Darüber sollte auch diskutiert werden.
Was halten Sie von kürzlich beschlossenen Windkraftzonen in Kärnten?
Wir sehen, dass wir grundsätzlich einen Ausbau der Erneuerbaren brauchen. Man kann darüber streiten, was das kosten soll, ob man Photovoltaik braucht oder Windkraft. Aber man muss deutlich dazu sagen, wenn wir Photovoltaik ausbauen, heißt das auch, dass es mehr Freiland-PV-Anlagen geben wird. Die beschlossene Zonierung ist keine sehr glückliche Vorgangsweise. Es gibt eine kostenoptimale Lösung, von der man politisch abweichen kann, aber mehr Kosten werden letztendlich die Verbraucher bezahlen müssen. Ich denke, die Entscheidung über die Windkraftzonen wird nicht lange halten.
Wie viele Windräder wären in Kärnten notwendig?
Statt eine Zahl zu nennen, möchte ich hier einen Gestaltungsspielraum aufzeigen. Mit dem Modell kann ein kostenoptimales Szenario errechnet werden, z. B. für den kostenoptimalen Mix aus Wind und Photovoltaik. Darauf aufbauend kann dann untersucht werden, wie sich die Kosten – letztendlich sind das die Kosten, die wir mit unserer Stromrechnung bezahlen – verändern, wenn man aufgrund eines energiepolitischen Wunsches von diesem optimalen Mix abweicht. Diese Aussagen können dann als Entscheidungsgrundlage für die energiepolitische Diskussion dienen.
Photovoltaik boomt. Wo sehen Sie die Grenzen dieses Booms, und wo liegen Chancen?
Die Potenziale in der PV sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Für ein kostenoptimales Zusammenspiel spielt der Ausbau der Freiflächen-Photovoltaik eine entscheidende Rolle. Die Grenzen liegen in den relativ hohen »quasi-volkswirtschaftlichen Nebenkosten«, wenn man fast ausschließlich auf PV setzt. Das sind insbesondere die Kosten für den notwendigen Ausbau der Netze und der Speicher.
Wenn Sie eine energiepolitische Priorität für Kärnten festlegen könnten: Welche wäre das?
Flächenwidmung für Wind und PV. In einem ersten Schritt bis 2030 in einem Gesamtumfang von ein bis 1,5 TWh Ertrag pro Jahr. Diese Entscheidung wird man nicht bereuen. Dazu langfristig planbare stabile Förderungen für Heizölkesseltausch, thermische Gebäudesanierung und Ausbau eines Netzes öffentlich zugänglicher Ladestationen.
// Zur Person
Albrecht Grießhammer (64) studierte Elektrotechnik an der FAU Erlangen-Nürnberg. Danach arbeitete er an der Universität, ehe es ihn zu
»Philipps« verschlug. 2001 machte sich Grießhammer mit einem Ingenieurbüro in Keutschach selbstständig. Die Schwerpunkte liegen auf erneuerbarer Energie und Elektromotoren für die Autoindustrie.

Von Michael Swersina
Werksleiterin Sandra Greßl: »Es existieren nach wie vor die klassischen Rollenbilder«
Sabine Payer: »Viele hätten aufgegeben, aber ich wollte unbedingt zu den Spielen«
Reinhold Pirker: »In den Tälern wird Rodeln künftig kaum noch möglich sein«
0 Kommentare Kommentieren
Keine Kommentare gefunden!