Heinz Schlatte: »Politik muss bürgernah sein und Politiker müssen mehr zu den Menschen hinaus«Ausgabe 12 | Mittwoch, 24. März 2021

Nach 30 Jahren in der Kommunalpolitik tritt Heinz Schlatte (58) von der St. Andräer Polit-Bühne ab. Mit den Unterkärntner Nachrichten sprach er über seine Laufbahn, seine Funktionen und Erfolge, seine Jugend in der Politik und Chancen für St. Andrä und das Lavanttal.

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Sie waren 30 Jahre in der Kommunalpolitik, sind ein Urgestein im St. Andräer Gemeinderat. Warum kommt nun der Abschied?
Das ist ganz einfach. Irgendwann ist man ausgepowert. Dreißig Jahre sind eine lange Zeit. Ich habe Politik von der Pike auf mitgemacht.

Wann bzw. wie sind Sie in die Politik gekommen?
Ich war schon lange Zeit, bevor ich Gemeinderat wurde, politisch aktiv. Ab meinem 16. Lebensjahr war ich Mitglied der Jungen ÖVP in Schönweg. 1991 bin ich dann in der Ära von Herbert Gartner in den Gemeinderat eingezogen.

Danach habe ich sämtliche Funktionen durchgemacht. 2006 habe ich den Stadtrat von Angelika Probst übernommen und war seit damals Stadtrat in St. Andrä.

»Als ich in die Politik einstieg, wurden die Diskussionen oft unter der Gürtellinie geführt«
Heinz Schlatte, Stadtrat AD, ÖVP

Was waren die Highlights oder prägendsten Momente während Ihrer politischen Laufbahn?
In 30 Jahren gibt es sehr sehr viele Highlights.  Man hat mich damals als Jungpolitiker gleich mit vielen schwierigen Themen konfrontiert. Zum Beispiel: Der erste Antrag von mir im Gemeinderat war der Ausbau der Lammer Straße. Das war ein ewig langer Kampf. Dann der Hochwasserschutz für Schönweg, über den es zahlreiche Diskussionen im Gemeinderat gegeben hat. Das waren für mich prägende Momente. Und schließlich konnte ich als Stadtrat viele eindrucksvolle Momente miterleben. Ich denke an den Rathausbau in St. Andrä, an den Umbau der Volksschule. Mein Referat, dass Umwelt- und Landwirtschaftsreferat, war ein sehr spannendes. Wir sind in meiner Zeit dere5-Gemeinschaft in Kärnten beigetreten, wo ich auch sehr viele Dinge umgesetzt habe. Das waren Momente, die mir immer in Erinnerung bleiben werden.

Gibt es ein Anliegen, das Sie gerne umgesetzt hätten, das aber aufgrund der Machtverhältnisse nicht möglich war?
Ein Ziel hatte ich immer vor Augen und das wollte ich bei jeder Gemeinderatssitzung andiskutiert haben. Dabei geht es um die Infrastruktur, vor allem um das  Straßennetz der Gemeinde. Das ist in einem desolaten Zustand. Ich habe 30 Jahre dafür gekämpft, aber es war ein Kampf gegen Windmühlen. Man hat immer versucht, gemeinsam Lösungen zu finden, aber sie waren immer nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ich denke, die zukünftige Stadtregierung wird mit Hochdruck daran arbeiten müssen, denn es hängt ja auch der Verbleib der Bevölkerung in der ländlichen Region von der Infrastruktur ab.

»Ich bin stolz, dass es mir gelungen ist, rechtzeitig den Wechsel in der ÖVP in St. Andrä herbeizuführen«
Heinz Schlatte über die junge Generation

Welcher dringenden Anliegen neben der Infrastruktur müsste sich der neue Gemeinderat annehmen?
Ein wichtiges Thema ist noch die Innenstadtbelebung. Im Vorfeld der Gemeinderatswahl haben wir schon einige Grundsteine für den Bau des neuen Kindergartens in St. Andrä gelegt. Die Themen werden der neuen Stadtregierung ganz sicher nicht ausgehen. 

St. Andrä kämpft schon sehr lange, um wieder über die 10.000-Einwohner-Grenze zu kommen. Was könnte man tun, um Menschen dazu zu bewegen, nach St. Andrä zu ziehen
Das ist ein schwieriges Thema. Zum einen haben wir eine Landflucht, in den Regionen draußen werden immer weniger Leute. Das kann man auch nicht mit Wohnbau in der Stadt kompensieren. Ich denke, die einzige Chance wird die Koralmbahn sein. Wir müssten im Bereich des Bahnhofs günstiges Bauland widmen und Menschen, die in Graz arbeiten, anbieten, bei uns zu wohnen, denn die Fahrtzeit nach Graz ist dann sehr gering.  

Wie hat sich die Politik in den 30 Jahren Ihrer aktiven Laufbahn verändert?
Es hat sich sehr viel verändert. Als ich eingestiegen bin, war es sehr ruppig. Auch die Diskussionen wurden zum Teil unter der Gürtellinie geführt. Aber das hat sich unter Altbürgermeister Peter Stauber zum Positiven verändert. Man hat auf Augenhöhe diskutiert, man hat versucht, den gemeinsamen Weg zu gehen und dem Land Kärnten über Parteigrenzen hinweg Projekte vorzulegen, um diese gemeinsam für die Bevölkerung von St. Andrä umzusetzen. 

Glauben Sie, dass die neue Bürgermeisterin Maria Knauder die von Ihnen gelobte konstruktive Zusammenarbeit fortführen wird?
Ich hoffe es und ich gehe davon aus. 

Es gibt eine Politikverdrossenheit. Das sah man bei der teilweise sehr geringen Wahlbeteiligung bei der Gemeinderatswahl. Was kann man dagegen tun?
Ich glaube, die Politik muss bürgernäher werden und die Politiker müssen mehr zu den Menschen hinaus. Namenslisten haben es ja gezeigt, dass man die Parteipolitik nicht in den Vordergrund stellen soll, sondern Sachpolitik. Ich glaube, dann wird auch das Interesse an Politik wieder steigen.

Es kommen immer mehr junge Menschen in die Politik, Bundeskanzler Kurz ist jung, aber auch im Lavanttal drängen die Jungen nach, wie Maximilian Peter in St. Andrä. Daneben sind Raphael Golez in Lavamünd, der neue St. Pauler Bürgermeister Stefan Salzmann sowie sein Preitenegger Amtskollege Thomas Seelaus noch recht jung. Ist das gut?
Ich bin davon überzeugt, dass es gut ist, dass junge Menschen in die Politik gehen. Vor Jahren hat es schon geheißen, man soll die Jungen ran lassen. Nun hat man endlich erkannt, dass ihnen diese Chance auch zu geben ist. Das war auch für mich ein Beweggrund, mich aus der Politik zu verabschieden. Und ich bin stolz, dass es mir gelungen ist, rechtzeitig den Wechsel in der ÖVP herbeizuführen und dass wir die Jungen rangelassen haben. Das hat man auch beim Wahlergebnis gesehen, sie haben sehr gut abgeschnitten.

In Österreich gibt es seit Sebastian Kurz einen Hype um die ÖVP. Bei der Gemeinderatswahl hat sich das nicht so durchgeschlagen. Woran liegt das?
Grundsätzlich muss man sagen, der Wähler unterscheidet sehr wohl, ob es sich um Bundes-, Landes- oder Gemeindepolitik handelt. Das ist mit ein Grund, warum es nicht so durchgeschlagen hat. Aber aus St. Andräer Sicht muss ich sagen, wir können sehr stolz sein, wir haben über zehn Prozent dazugewonnen. Ich glaube, das war der Effekt der Jugend, der Weg geht in die richtige Richtung. 

Bei der Gemeinderatswahl gab es im Lavanttal einige sehr erfolgreiche Bürgerlisten. Worin sehen Sie den Erfolg einiger Bürgerlisten?
Bürgerlisten etablieren sich meist dort, wo es um Sachthemen geht. In Lavamünd konnte man zum Beispiel mit der Umfahrung punkten, allen Parteien Stimmen wegnehmen und stellt nun auch den Bürgermeister. Ausschlaggebend sind sicher die Themen.

Welche Chancen sehen Sie im geplanten interkommunalen Technologiepark in St. Paul?
St. Andrä war immer bereit, an einem interkommunalen Gewerbepark mitzuarbeiten, wenn die Rahmenbedingungen passen. Jetzt sind neue Köpfe am Werk, und ich gehe davon aus, dass es diesmal gelingen wird. Wenn der Technologiepark Arbeitsplätze schafft, dann wird das auch eine Bereicherung für die Stadtgemeinde St. Andrä sein – und ein bisschen Kommunalsteuer wird dann wohl auch für uns  abfallen.

Was werden Sie mit der neu gewonnenen Freizeit in Ihrer politischen Pension machen?
Das Thema Zeit hat mich die vergangenen 30 Jahre immer geplagt, ich stand ständig unter Zeitdruck.  Ich werde mich jetzt mit meiner neuen Freizeit ein wenig mehr meiner Familie widmen. Außerdem werde ich in Zukunft die Dinge allesamt ein wenig kommoder und ruhiger angehen, Turbulenzen hatte ich lange genug.

Sind Sie aus der Politik komplett ausgestiegen oder werden Sie Ihren Nachfolgern in Zukunft mit Rat und Tat zur Seite stehen?
Wenn es der Wunsch meiner Nachfolger ist, werde ich sicher Ratschläge geben oder man wird über gewisse Themen diskutieren. Wenn sie es alleine machen möchten, bin ich aber auch nicht beleidigt, denn ich denke, neue Köpfe haben neue Ideen.

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