Seit 1887 | Das unabhängige Wochenblatt für Unterkärnten

Armin Bardel: »Der Gesellschaft mangelt es generell am Interesse an der Kultur«Ausgabe 38 | Mittwoch, 16. September 2026

Der Wolfsberger (61) ist seit 26 Jahren freischaffender Künstler: Er schreibt, bildhauert, fotografiert und komponiert in Wien und im Tal. Im Interview spricht er über sich selbst und den Zustand unserer Welt.

E-Mail

0 Kommentare

Meist gelesen

Artikel

Was war Ihr letztes angefertigtes künstlerisches Werk?
Eine temporäre Freiland-Skulptur aus Bambus mit etwa fünf Metern Durchmesser. 

Woran arbeiten Sie derzeit?
An mehreren Büchern, beispielsweise einer Sammlung meiner fotografischen Porträts und einer umfassenden »Artobiographie« über meine bisherige künstlerische Arbeit, sowie an einigen weiteren Buchprojekten. 

Sie haben laut Ihrer Biografie Landwirtschaft, Philosophie, Fotografie, Natur- und Sozialwissenschaften in Wien und den USA studiert. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Mix? 
Es war mein naiver Traum, als Selbstversorger und Künstler am Land zu leben. Philosophie ist eine Grundlage für jegliche Praxis, Natur- und Sozialwissenschaften die logische Ergänzung. Für mich bildet alles eine sinnvolle Einheit. Fotografie war das Medium erster Wahl, um meine Vorstellungen bildlich umzusetzen. 

Seit dem Jahr 2000 sind Sie freischaffender Künstler und Fotograf. Womit verdienten Sie zuvor Ihr Brot und wie kam es zum Entschluss, freischaffend zu leben? 
Es war – genau zur Jahrtausendwende – höchst an der Zeit, endlich das zu tun, was ich eigentlich wollte. Meine Arbeit davor war äußerst bereichernd und enttäuschend zugleich: sechs Jahre in vielfältigster Weise bei einem sozialwissenschaftlichen Institut, das sich damals als eines der allerersten mit sinnvollen Anwendungsmöglichkeiten des Internets beschäftigte, habe ich dort zuletzt ein Weiterbildungsprojekt für arbeitslose Jugendliche geleitet. 

Kann man als freischaffender Künstler in Österreich wirtschaftlich überleben? 
Wie so oft gibt es auch hier eine Schere von wenigen, völlig überbewerteten Überbezahlten gegenüber einer Überzahl an Künstlerinnen und Künstlern, die sich bestenfalls über Wasser halten können. Leider mangelt es in unserer Gesellschaft generell am Interesse an Kunst und Kultur wie vielem anderen. Es gibt zwar mehr als genug Geld, das aber lieber anderswo vergeudet wird. 

Was möchten Sie mit Ihrer Kunst erreichen?
Einerseits mich in jeder erdenklichen Form ausdrücken, zum anderen geht es mir sehr stark um Inhalte, die ich mitteilen möchte – seien es ganz persönliche Empfindungen oder Themen von gesellschaftspolitischer Relevanz. 

Bitte beschreiben Sie Ihr Werk. 
Mein Werk ist unbeschreiblich! Es gibt kein bevorzugtes Medium, keine bestimmte Form. Ich suche das jeweils passende, um Ideen umzusetzen – sei es Musik, Text oder bildende Kunst, Gartengestaltung oder handwerkliche Arbeit. 

Sie wurden heuer 61 Jahre alt. Was hat das Alter mit Ihren Gefühlen angestellt? 
Eine zunehmende Ernüchterung und zugleich Entspannung – das traurige Bewusstsein über den Zustand der Welt ausgeglichen durch größere Gelassenheit. 

Wie beschreiben Sie sich selbst? 
Ich bin vermutlich ein skeptisch-pessimistischer Idealist mit durchaus nüchtern-realistischem Bewusstsein, dennoch optimistisch genug, um nicht völlig zu verzweifeln. Tendenziell sensibel melancholisch, oft phlegmatisch mit gelegentlich cholerischen Zügen, fallweise sogar sanguinisch. 

Sie nahmen an vielen Workshops teil, auch beim Schriftsteller Bodo Hell, der seit August 2024 im Dachsteingebirge vermisst wird. Wie traf Sie die Nachricht vom Verschwinden Hells? 
Bodo war für mich eine sehr prägende, wunderbare Persönlichkeit. Sein Abgang erschien mir wie eine Inszenierung – was immer genau geschehen sein mag, wie eine alte Sage: Er verschwindet einfach, wie ein Geist, löst sich auf, geht in den Berg, bleibt unauffindbar. 

Von den Fenstern Ihrer Wohnung in Wien schicken Sie Nachrichten auf den Naschmarkt. Tun Sie das noch? Und was teilen Sie den Menschen mit? 
Seit 30 Jahren schreibe ich in Stichworten, was mir gerade einfällt, ganz persönliches oder zu brisanten Themen. 

Woran schreiben Sie derzeit? 
Aktuell versuche ich das Buch »Betrachtungen meines Gartens« fertigzustellen, in dem ich mein kleines Idyll dem Garten Eden und der realen Welt da draußen gegenüberstelle. 

Wann haben Sie zuletzt ein Lied komponiert?
Zu Beginn dieses Jahres entstanden drei Lieder zugleich, vier neue sind im Werden. 

Sie leben in Wien und dem Lavanttal. Wo gefällt es Ihnen besser – und wann?
Beide haben sehr schöne und weniger schöne Seiten. Die Abwechslung macht es umso spannender, die Gegensätze ganz bewusst zu erleben. Dasselbe gilt für das Wann: Jede Zeit hat ihren Reiz! Ständiger Wandel hat etwas wunderbares – dasselbe in immer neuen Facetten zu erleben. Es gibt nichts Schlimmeres als Monotonie. Obwohl freilich auch eine gewisse Beständigkeit etwas für sich hat. 

Wie unterscheiden sich die Lavanttaler von den Wienern?
Darüber könnte man ein ganzes Buch schreiben! In mancher Hinsicht gar nicht, dann wieder liegen Welten dazwischen. Allerdings: es gibt weder »die« Wiener noch »die« Lavanttaler. Ich treffe überall wunderbare Menschen, aber leider ebenso genau das Gegenteil. 

Ihrer Meinung nach: Wer ist derzeit der bedeutendste Künstler, den das Lavanttal besitzt? 
Superlative liegen mir grundsätzlich fern, und über meine geschätzten Kollegen und Kolleginnen möchte ich nicht urteilen. Es gibt erstaunlich viele Lavanttaler und nicht nur Künstler, die – auch überregional – äußerst präsent sind! 

Wie ist der Zustand der Kultur im Lavanttal aus Ihrer Sicht?
Eine große Zahl an Kultur-Schaffenden steht leider in krassem Gegensatz zu Ignoranz und Desinteresse lokaler Kultur-Konsumenten: großes Angebot, aber wenig Nachfrage! 

Wann sind Ihre Arbeiten wieder in einer Ausstellung zu sehen? 
Im Rahmen einer Gedenkausstellung für Jörg Stefflitsch, dem verstorbenen Wolfsberger Künstler, werde ich im Oktober mit einem Bild sowie Konzert und Lesung vertreten sein. 

Welche Stimmung hinterlässt der Zustand der Welt in Ihnen? Haben Sie noch Hoffnung? 
Die Zukunft sieht leider alles andere als rosig aus, die Hoffnung gebe ich dennoch nicht auf. Es tut weh zu sehen, wie dumm die Menschheit ist, immer wieder dieselben Fehler zu machen und nichts daraus zu lernen: politisch, ökologisch, kulturell. Die Welt könnte so gut dastehen wie noch nie, doch zu viele Menschen tun – blind oder gar sehenden Auges und ganz gezielt – alles, um dies zu verhindern und kaputt zu machen. 

Welches Ziel möchten Sie in Ihrem Leben noch unbedingt erreichen?
Gedanken weiterspinnen, Ideen umsetzen und nicht ganz umsonst da gewesen sein. 

// Zur Person

Armin Bardel, geboren am 8. Juni 1965 in Wolfsberg, befasst sich seit 1982 mit unterschiedlichen Kunstformen, Fotografie, Grafik, Bildhauerei, Schreiben, Musik. Ein Schwerpunkt liegt auf der Bühnenfotografie in Wiener Kulturstätten. Er lebt in Wien und im Lavanttal. Weitere Details auf seiner Homepage www.arminbardel.at.

0 Kommentare Kommentieren

Keine Kommentare gefunden!

Liebe Leserinnen und Leser, in diesem Kommentarbereich prüfen wir alle Beiträge, bevor sie veröffentlicht werden. Ihr Kommentar erscheint, sobald er gesichtet wurde.

Bitte melden Sie sich an, um die Beiträge zu lesen oder zu kommentieren.AnmeldenHier Registrieren