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Bad St. Leonhard. Seit einem halben Jahrhundert steht Harmonika Müller für handgefertigte Harmonikas aus dem Lavanttal. Was 1975 mit Mut, viel Handarbeit und einer großen Portion Leidenschaft begann, ist heute ein international geschätzter Familienbetrieb mit 40 Mitarbeitern, modernster Technik und Kunden weit über Österreich hinaus. Zum 50-jährigen Bestandsjubiläum blicken die beiden Geschäftsführer, Edith Müller (70) und ihr Sohn Marcel (31), auf bewegte Jahre zurück, die geprägt waren von Liebe, Verlust und Zusammenhalt.
Dass Edith Müller heute überhaupt in Bad St. Leonhard lebt, war keineswegs vorhersehbar. Die gebürtige Baslerin, aufgewachsen im Wallis, lernte ihren späteren Mann Peter Müller auf ungewöhnliche Weise kennen – beim Autostoppen. »Peter hat immer gesagt: ›Sie ist eingestiegen und nie mehr ausgestiegen‹«, erzählt Edith Müller schmunzelnd. Peter Müller hatte in Bad St. Leonhard bei Josef Fleiß das Handwerk des Harmonikabauers gelernt. Nach seiner Lehre zog es ihn zunächst nach Wien, ehe ein Freund aus Wolfsberg den entscheidenden Impuls gab. »Der Freund hat ihm gesagt, er soll in die Schweiz kommen, um dort Geld zu verdienen«, erinnert sich Edith Müller. Dort fanden die beiden zusammen – und schließlich auch den gemeinsamen Weg zurück in Peters Heimat.
»Er musste zuerst noch zum Bundesheer, kam danach aber in die Schweiz zurück«, erzählt Edith Müller. Als sich schließlich abzeichnete, dass der damalige Betrieb von Josef Fleiß keinen Nachfolger hatte, fiel die Entscheidung, dass Edith und Peter Müller den Betrieb übernehmen wollten. »Im Dezember 1975 sind wir hierher gekommen«, erinnert sie sich. Das Paar übernahm Maschinen und Ausstattung, verlagerte den Standort und führte zunächst fünf Jahre lang eine Werkstätte. Schon bald wurden die ersten Mitarbeiter beschäftigt. »Schließlich haben wir das Grundstück hier gekauft und 1980 mit dem Bau begonnen«, sagt Edith Müller über den Standort, an dem der Betrieb noch heute beheimatet ist.
Während Peter Müller vor allem handwerklich tätig war, kümmerte sich Edith Müller um Büro, Buchhaltung und Organisation – und arbeitete anfangs sogar selbst in der Produktion mit. »Ich habe Kurse für Buchhaltung und Lohnverrechnung gemacht«, erzählt sie. Schritt für Schritt wurde erweitert: ein zusätzliches Grundstück, eine neue Halle, insgesamt drei Ausbauetappen. Bereits zu Zeiten von Peter Müller beschäftigte das Unternehmen 35 Mitarbeiter.
1.500 Harmonikas im Jahr
Heute werden bei Harmonika Müller jährlich rund 1.500 Instrumente gefertigt – jedes einzelne in aufwendiger Handarbeit. »Von 40 bis zu 120 Stunden Arbeit und bis zu 2.500 Einzelteile stecken in einer Harmonika«, erklärt Marcel Müller. Besonders stolz ist man darauf, nahezu alles selbst zu produzieren. »Wir machen alles im Haus selber, kaufen nichts zu«, betont Edith Müller. »Wir reden oft darüber, dass wir hier ein 100 Prozent österreichisches Produkt herstellen. Dass das heute noch möglich ist, dass wir hier so produzieren können, dass wir konkurrenzfähig bleiben und alles im Haus haben – das erfüllt uns schon mit Stolz.«
Auch Marcel Müller sieht darin eine Besonderheit: »Es gibt in Österreich nur eine Handvoll Betriebe in unserem Bereich, die wirklich alles selber produzieren.« Die Instrumente aus Bad St. Leonhard sind längst international gefragt. »Unsere Kunden kommen aus Bayern, Südtirol, der Schweiz, Slowenien und Italien, vereinzelt auch aus Übersee«, erzählt Marcel Müller. Besonders eng arbeitet der Betrieb mit Musikschulen und Konservatorien zusammen, denn, so Marcel: »Sie schätzen unsere Qualität.«
»Wir wollten das Unternehmen so weiterführen, wie es Peter gewollt hätte«
Edith Müller, Geschäftsführerin
Dabei wird jede Harmonika individuell gefertigt. »Es gibt kaum einen Wunsch, den wir nicht verwirklichen können«, sagt der 31-Jährige. »Jede Harmonika, die unser Haus verlässt, ist ein Unikat. Man kann alles aussuchen, Logos lasern lassen oder sogar sein eigenes Holz mitbringen«, erzählen die beiden Geschäftsführer.
Dass der Betrieb heute moderner denn je aufgestellt ist, ist auch das Ergebnis großer Investitionen in den vergangenen Jahren. »Wir haben stark auf Automatisierung gesetzt und viele neue Maschinen gekauft«, erklärt Marcel, der auch sagt: »In der Tischlerei wurde praktisch alles erneuert, vom CNC-Bereich bis zur Absaugung.«
Der Weg dorthin war allerdings nicht immer einfach. Die wohl schwierigste Phase begann 2014, als Firmenchef Peter Müller einen Herzinfarkt erlitt und verstarb. »Es war ein Schicksalsschlag«, sagt Edith Müller offen. »Aber wir haben dann Gas gegeben. Es war eine Zeit, in der wir einfach funktioniert haben. Einer meiner ersten Gedanken war: Gott sei Dank habe ich die Kinder, jemand ist da.« Auch die langjährigen Mitarbeiter hätten eine zentrale Rolle gespielt. »Das war ein Ansporn. Wir wollten das Unternehmen so weiterführen, wie es Peter gewollt hätte«, blickt die 70-jährige zurück.
Sohn Marcel war damals bereits Teil des Unternehmens. Mit 15 Jahren begann er eine Lehre zum Büro- und Handelskaufmann im Familienbetrieb. »Es war zuerst nicht klar, ob ich überhaupt ins Unternehmen einsteige«, erzählt er, denn: »Ich war vorher im Motorsport unterwegs, habe mich dann aber für den Betrieb entschieden.« Auch seine Zwillingsschwester Janine fand ihren Weg in den Betrieb und arbeitet heute in der Produktion.
Die größte Herausforderung in der nahen Zukunft sieht Marcel Müller vor allem in den steigenden Kosten. »Wir wollen unsere Linie beibehalten, aber alles wird teurer«, sagt er. Besonders bei Kindern setze man verstärkt auf Mietkaufmodelle: »Viele wissen am Anfang noch nicht, ob sie dauerhaft spielen wollen. Das Mietmodell ist eine gute Möglichkeit zu beginnen.«
Dass die Harmonika nach wie vor boomt, zeigt nicht zuletzt die Entwicklung der vergangenen Jahre. »Corona war eigentlich unsere Hoch-Zeit. Die Nachfrage war extrem, wir hatten damals ein halbes Jahr Lieferzeit«, erzählt Edith Müller. Aktuell liege die Wartezeit bei zwei bis drei Monaten. Auch bekannte Künstler setzen auf Instrumente aus dem Hause Müller, wie etwa die österreichische Band »folkshilfe«.
Die Jubiläumsfeier
Das 50-jährige Jubiläum feiert Harmonika Müller am 22. und 23. August – unter anderem mit »Wüdwexl« oder den »Geschwistern Scharf«. An beiden Tagen gibt es ein breites Rahmenprogramm. Für Edith Müller ist das Jubiläum aber vor allem eines: ein emotionaler Meilenstein: »Es erfüllt mich mit Stolz, dass das alles so funktioniert hat und wir das Unternehmen so erhalten konnten.«

Von Philipp Tripolt
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