Seit 1887 | Das unabhängige Wochenblatt für Unterkärnten

Robin Hauser: »Work-Life-Blending ist auch eine Folge der Covid-19-Pandemie«Ausgabe 29 | Dienstag, 15. Juli 2025

Der Wolfsberger Robin Hauser (26) forscht an der Alpe-Adria-Universität Klagenfurt, wie die Verschmelzung von Arbeit und Privatleben gelingt und welche Effekte es auf Mitarbeitende und Unternehmen haben kann.

E-Mail

0 Kommentare

Meist gelesen

Artikel

Sie forschen an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt im Bereich des »Work-Life-Blending«. Können Sie kurz erklären, was das ist?
Man könnte »Work-Life-Blending« als eine Extremform der »Work-Life-Balance« bezeichnen, die, meines Wissens nach, erstmals um die Jahrtausendwende von Sue Campbell Clark benannt wurde. Dabei geht es, wie der Name vermuten lässt, um die Verschmelzung von Arbeit und Privatleben. Insbesondere in der schnelllebigen Zeit, in der wir heute leben, mit all ihren technologischen Innovationen und Erweiterungen, wird »Work-Life-Blending« begünstigt – z. B. in der Büroarbeit, in der IT-Branche und auch stark in der Wissenschaft. Ein Beispiel wäre etwa, schnell eine E-Mail des Vorgesetzten im Supermarkt zu beantworten, obwohl man gerade nicht arbeitet, oder an einem Onlinemeeting teilzunehmen, während man auf Urlaub ist.

Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?
Auf das Thema »Work-Life-Blending« wurde ich erstmals im Alltag aufmerksam – insbesondere während meiner Zeit im Homeoffice. Konkreter wurde mein Forschungsinteresse jedoch durch ein Gespräch mit meinem Vater, Pete Hauser (Anm.: Bezirkspolizeikommandant von Wolfsberg). Gemeinsam stellten wir fest, dass dieser auf den ersten Blick eher dystopisch wirkende Trend durchaus auch positive Seiten haben kann. Dabei stellte sich mir eine Reihe von Fragen: Führt »Work-Life-Blending« tatsächlich zu mehr Stress? Welche Faktoren begünstigen es? Und wie kann man damit umgehen, wenn man diese Vermischung von Arbeit und Privatleben als belastend empfindet? Aus diesen Überlegungen heraus entwickelte sich schließlich das Thema meiner Dissertation, die ich derzeit am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Klagenfurt verfasse.

Ist die Verschmelzung von Arbeit und Privatleben nicht eher belastend?
Beim Thema »Work-Life-Blending« gibt es keine allgemeingültige Antwort – es hängt stark von den individuellen Präferenzen ab. Bereits beim Begriff Work-Life-Balance gehen die Meinungen auseinander: Während manche darunter eine ausgewogene Verteilung der Ressourcen – etwa Zeit und Energie – zwischen Arbeit und Privatleben verstehen, betonen andere, dass es nicht um die Zeit an sich gehe, sondern um die persönliche Zufriedenheit mit der Aufteilung. So kann auch jemand, der 90 Stunden pro Woche arbeitet, eine gute Work-Life-Balance empfinden – wenn es der eigenen Lebensweise entspricht.
Manche Menschen bevorzugen eine klare Trennung von Arbeit und Privatleben – das nennt man Work-Life-Separation. Manche Menschen lehnen »Work-Life-Blending« grundsätzlich ab. Sie möchten nach Feierabend konsequent abschalten, keine Mails mehr lesen und auch keine beruflichen Anrufe entgegennehmen. Diese Haltung ist weit verbreitet, nachvollziehbar und meiner Meinung nach vollkommen legitim.

Worauf ist beim »Work-Life-Blending«-Konzept zu achten?
Wer sich in einer »Work-Life-Blending«-Situation wiederfindet und damit im Großen und Ganzen zufrieden ist, muss in der Regel nichts weiter beachten. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Vermischung als belastend empfunden wird. Besonders kritisch ist das sogenannte Always-on-Mindset: Menschen haben dabei das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen – selbst in ihrer Freizeit und selbst dann, wenn sie das gar nicht wollen. Studien belegen, dass dieser Daueranspruch an Verfügbarkeit negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben kann. 

Welche positiven Effekte gibt es für die Mitarbeiter, die »Work-Life-Blending« praktizieren und welche Effekte gibt es für Unternehmen?
Wenn man mit der eigenen »Work-Life-Blending«-Situation zufrieden ist, kann sich das auf vielfältige Weise positiv auswirken. Angestellte sind oft glücklicher, weil sie ihre Zeit flexibler und eigenverantwortlicher einteilen können – das ist insbesondere für Eltern von Vorteil, etwa bei schulischen Belangen oder Arztterminen. Zufriedene Mitarbeiter sind in der Regel motivierter, engagierter und leisten häufig mehr. Wenn »Work-Life-Blending« gut auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt ist, profitieren letztlich beide Seiten – Arbeitnehmer ebenso wie Arbeitgeber.

Wie kann ein Unternehmen das »Work-Life-Blending«-Konzept unterstützen, welche Voraussetzungen sind zu schaffen?
Idealerweise sollten alle Bedürfnisse berücksichtigt werden. Wer Arbeit und Privatleben klar trennen möchte, sollte darin bestärkt werden – etwa, indem man keine beruflichen Rückmeldungen außerhalb der Arbeitszeit erwartet und auf störende Anrufe in der Freizeit verzichtet. Ebenso sollte respektiert werden, wenn jemand lieber im Büro arbeitet – niemand sollte gezwungen sein, dauerhaft im Homeoffice tätig zu sein. Gleichzeitig gilt es, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass flexible Arbeitsformen wie Homeoffice oder Gleitzeit für diejenigen möglich sind, die sie wünschen. Dazu gehört vor allem eine verlässliche technische Infrastruktur. Meine Forschungsergebnisse deuten zudem darauf hin, dass technische Schulungen hilfreich sein können.

In welchen Unternehmen – international – wird bereits »Work-Life-Blending« gelebt?
»Work-Life-Blending« wird mittlerweile in vielen Unternehmen auf der ganzen Welt gelebt – nicht zuletzt als Folge der Covid-19-Pandemie. Damals waren viele Betriebe gezwungen, kurzfristig Homeoffice-Lösungen einzuführen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Für zahlreiche Mitarbeitende stellte sich diese erzwungene Umstellung im Nachhinein als überraschend positiv heraus: Sie erlebten mehr Flexibilität, weniger Pendelzeit und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.

In der Folge wollten viele nicht mehr vollständig ins Büro zurückkehren – und Unternehmen reagierten darauf. Seither bieten zahlreiche Firmen flexible Arbeitsmodelle an. Manche ermöglichen Homeoffice an ein bis zwei Tagen pro Woche, andere überlassen es ganz den Mitarbeitenden, wann und wo sie arbeiten möchten. Diese neuen Freiräume begünstigen die Verschmelzung von Arbeit und Privatleben – ganz im Sinne des »Work-Life-Blending«.

Meiner Einschätzung nach ist das kein vorübergehender Trend, sondern eine dauerhafte Entwicklung. 

Gibt es in Österreich bereits Unternehmen, die mit dem »Work-Life-Blending«-Modell arbeiten?
Ja, auch in Österreich gibt es schon viele Unternehmen und Institutionen, die »Work-Life-Blending« leben – vor allem im Bereich der Wissenschaft. Zum Beispiel an meiner eigenen Arbeitsstelle. Dort arbeiten wir zielorientiert: Wichtig ist, dass die Leistung passt. Ob ich meine wissenschaftliche Artikel dabei am Großglockner schreibe oder am Strand in Kroatien, interessiert niemanden, solange alles rechtzeitig fertig ist. So entsteht viel Flexibilität – und genau das ist für mich »Work-Life-Blending«.

Sie waren kürzlich in Rotterdam bei der ICORIA-Konferenz (Anm.: bedeutende internationale Veranstaltung für Werbeforschung) als einer der jüngsten Referenten dabei und präsentierten eine Ihrer Forschungsarbeiten. Dabei gingen Sie der Frage nach, wie sich digitale Kommunikationsarten auf die Angestellten und Unternehmen auswirken. Zu welchem Ergebnis kamen Sie?
Wir haben spannende Erkenntnisse gewonnen. Wie bereits erwähnt, spielt Technologie dabei eine zentrale Rolle. Menschen, die »Work-Life-Blending« ausüben – ob freiwillig oder weil es der Job verlangt – sind in der Regel deutlich zufriedener mit ihrer Situation, wenn sie digitale Tools wie Smartphones, E-Mails, Laptops oder Programme wie Zoom beherrschen und den Eindruck haben, dass diese ihre Arbeit erleichtern. Wer dagegen mit der Technik hadert oder sie als störend empfindet, erlebt »Work-Life-Blending« oft als belastend.

Welche Empfehlungen haben Sie?
Deshalb empfehlen wir, auf individuelle Präferenzen Rücksicht zu nehmen – zum Beispiel durch freiwillige Technologieschulungen oder durch Wahlmöglichkeiten bei der Arbeitsorganisation. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Zufriedenheit mit »Work-Life-Blending« auch einen Einfluss auf das Phänomen des sogenannten »Quiet Quitting« oder der »inneren Kündigung« hat. Damit ist gemeint, dass Angestellte nur noch das Nötigste erledigen, damit sie nicht gekündigt werden. Zufriedene Mitarbeitende, die zufrieden mit ihrer »Work-Life-Blending«-Situation sind, neigen weniger zu diesem Verhalten. Das überrascht oft jene Arbeitgeber, die Homeoffice oder flexible Modelle skeptisch sehen. Letztlich zeigt sich: Wenn man auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden eingeht, profitiert am Ende auch das Unternehmen – eine klassische Win-win-Situation.

Wie schaffen Sie persönlich Ihre »Work-Life-Balance« oder leben Sie bereits nach dem Konzept des »Work-Life-Blending«?
Ich lebe und nutze »Work-Life-Blending« ganz bewusst. Für mich ist die damit verbundene Freiheit ein großer Gewinn – gleichzeitig bringt sie auch Verantwortung mit sich. Man muss lernen, sich selbst gut zu organisieren, klare Grenzen zu ziehen, wenn nötig, und den Überblick zu behalten. Wenn man damit umgehen kann, ist »Work-Life-Blending« meiner Meinung nach eine echte Bereicherung – sowohl beruflich als auch persönlich.

// Zur Person
Robin Enua Hauser (26) studierte nach der Matura am BORG Wolfsberg in Klagenfurt in Mindeststudienzeit Medien- und Kommunikationswissenschaften. 2024 machte er den Masterabschluss. Seit Mai 2024 ist er Universitätsassistent an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt.

0 Kommentare Kommentieren

Keine Kommentare gefunden!

Liebe Leserinnen und Leser, in diesem Kommentarbereich prüfen wir alle Beiträge, bevor sie veröffentlicht werden. Ihr Kommentar erscheint, sobald er gesichtet wurde.

Bitte melden Sie sich an, um die Beiträge zu lesen oder zu kommentieren.AnmeldenHier Registrieren