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Wann und wie haben Sie den Laugeneintritt in die Lavant erstmals bemerkt?
Das war am Sonntag, 8. März, so gegen 10 Uhr waren ein Kollege und ich bei der Lavant in der Gegend von St. Paul, um unsere Laichplatz‑ und Renaturierungsmaßnahmen zu kontrollieren. Als wir zur Lavant kamen, sahen wir eine braune Brühe mit Blasen im Wasser. Kurz darauf sahen wir, dass die Verfärbung aus dem Bereich der Kläranlage kam. Um etwa 13 Uhr sahen wir erste verhaltensauffällige Fische. Das waren zum Beispiel kleine Grundfische die an die Oberfläche zum Luftschnappen kamen. Etwas später entdeckten wir südlich von St. Paul die ersten toten Forellen. Im Verlauf des Tages nahm die Zahl toter Fische deutlich zu.
Wie schätzen Sie das ökologische Ausmaß ein?
Kurz gesagt: katastrophal. Auf einer Strecke von etwa 16 Kilometern – von der Kläranlage bis zur Einmündung in die Drau – kam es zu einem nahezu vollständigen Fischsterben. Wir sprechen hier von rund 99 Prozent Verlust in dem betroffenen Abschnitt. Besonders dramatisch ist der Verlust seltener Arten wie dem Steingrässling – ein seltener Fisch, der in Kärnten nur in diesem Bereich der Lavant nachgewiesen wurde – und der Hundsbarbe. Auch Makroinvertebraten (Anm.: wirbellose Tiere, die den Grund von Gewässern besiedeln. Zu dieser Gruppe gehören Insektenlarven, Schnecken, Krebse und Würmer) sind massiv beeinträchtigt. Besonders bedauerlich ist das, da die Lavant in diesem Bereich Teil eines Natura‑2000‑Gebiets, das europäische Schutzwürdigkeit besitzt, ist.
Mittlerweile wurde auch eine Befischung durch das Kärntner Institut für Seenforschung durchgeführt, die unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt hat.
»Auf einer Strecke vonetwa 16 Kilometern kam es zu einem nahezu vollständigen Fischsterben«
Emanuel Schwabe, Verein Raubaum
Wie lange wird die Lavant brauchen, um sich zu erholen?
Bereiche die gut strukturiert sind, zum Beispiel Steine und Totholz sowie Abschnitte mit unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten, werden sicher früher wieder besiedelt werden und sich schneller erholen.
Lokal gesehen, also im Bereich von St. Paul, könnten Jahrzehnte vergehen. Es ist davon auszugehen, dass eine vollständige Wiederherstellung dort sehr schwierig wird. In weniger stark betroffenen Abschnitten wird die natürliche Wiederbesiedlung schneller erfolgen, da Fische aus dem nördlichen Bereich oder aus der Drau nachwandern.
Können Besatzmaßnahmen dabei helfen?
Besatz allein ist keine einfache Lösung. Viele der verlorenen Arten sind nicht in Zuchten verfügbar. Und jene, die in einer Zucht verfügbar wären, sind nicht an die Strömungs‑ und Nahrungsverhältnisse angepasst und würden wohl nicht lange überleben.
Sie haben gerade ein mehrjähriges Renaturierungsprojekt durchgeführt. Was wurde dabei gemacht?
Es gab eine fünfjährige Phase der Datenerhebung als Grundlage unserer Maßnahmen. Heuer haben wir mit Maßnahmen an einem Abschnitt der Lavant begonnen. Wir haben dort Wurzelstöcke einführt, Unterstände errichtet und strukturgebende Steine in die Lavant gebracht.
»Viele der verlorenen Fischarten sind nicht in Zuchten verfügbar«
Derselbe über Besatzmaßnahmen
Wie stark beeinträchtigt der Schadensfall Ihr Renaturierungsprojekt?
Nachdem der Fischbestand nun um 99 Prozent reduziert ist, ist die durchgeführte Datenerhebung nutzlos und wir müssen damit wieder von vorne beginnen, um natürlich auf die aktuellen Gegebenheiten einzugehen. Der Bereich, wo wir bereits Maßnahmen gesetzt haben, könnte nun als Refugium dienen.
Ansonsten stehen wir wieder am Anfang. Auch weitere angedachte Folgeprojekt müssen wir verschieben oder absagen.
Welche kurzfristigen und langfristigen Sanierungsschritte halten Sie für notwendig?
Kurzfristig: umfassendes Monitoring – Wasserchemie, Makroinvertebraten, Fisch‑Surveys –, Abpumpen/Neutralisation punktueller Einträge, Errichtung von temporären Refugien und Schutzbereichen. Mittelfristig: gezielte Wiederansiedlung mit wissenschaftlich begleitetem Besatzprogramm, Wiederherstellung von Laich‑ und Aufwuchsbiotopen, Schaffung von Hochwasser‑Refugien. Langfristig: strukturelle Renaturierung zur Erhöhung der Habitatkomplexität und Resilienz gegenüber Schadstoffereignissen.
Wie bewerten Sie die Reaktion von Mondi und Behörden?
Die Kommunikation war zunächst dünn; es gab eine Presseaussendung, aber viele fachliche Fragen blieben offen. Entscheidend ist jetzt Transparenz bei Ursachenklärung, Schadstoffanalysen und einem verbindlichen Sanierungsplan mit Zeitrahmen und finanzieller Verantwortung.
Was erwarten Sie von Politik und Wirtschaft?
Politisch brauchen wir klare Rahmenbedingungen für Wiederaufbau und langfristige Unterstützung von Renaturierungsmaßnahmen. Wirtschaftlich sollten Verursacher verpflichtend in ökologische Wiederherstellung und in präventive Maßnahmen investieren. Betriebe, die Ökosysteme beeinflussen, müssen sich an Monitoring und Wiederherstellungsprogrammen beteiligen.
// Zur Person
Emanuel Schwabe, (37), ist in St. Paul aufgewachsen und maturierte am Stiftsgymnasium in St. Paul. Danach verschlug es ihn nach Graz, wo er derzeit für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Landwirtschaftskammer Steiermark zuständig ist. Schwabe kam durch seine Tätigkeit bei der Landwirtschaftskammer zur Fischerei und ist Mitbegründer des Vereins Raubaum. Mit diesem Verein begann Schwabe im Jahr 2021 ein Renaturierungsprojekt bei der Lavant.

Von Michael Swersina
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