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Werksleiterin Sandra Greßl: »Es existieren nach wie vor die klassischen Rollenbilder«Ausgabe 10 | Mittwoch, 4. März 2026

Sandra Greßl (50), Werksleiterin bei der Geislinger GmbH, spricht anlässlich des internationalen Frauentags darüber, wie Frauen in Technikberufen bestehen und warum es ein Vorteil sein kann, unterschätzt zu werden.

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Was bedeutet Ihnen der Weltfrauentag persönlich?
Für mich ist der Weltfrauentag ein Anlass, wieder bewusst darüber nachzudenken, wie weit wir mit der Gleichberechtigung tatsächlich sind. Leider ist sie auch im Jahr 2026 noch immer ein Thema, und genau das ist schade. Eigentlich sollte Gleichberechtigung längst selbstverständlich sein.

Wie würden Sie Ihren beruflichen Weg beschreiben? Gab es einen Moment, an dem Sie wussten: »Ich will in die Technik«?
Ich war mir anfangs nicht sicher, vor allem, weil es in meiner Ausbildungszeit alles andere als üblich war, dass Frauen in der Technik arbeiten. 

Es gab durchaus Stimmen, die meinten: »Das schaffst du nicht« oder »Das passt nicht«. Genau das hat mich aber zusätzlich motiviert. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, und heute weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war. Ich würde diesen Weg jederzeit wieder gehen.

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: Welche Entscheidung würden Sie heute genauso wieder treffen – und welche vielleicht anders?
Ich würde den technischen Weg wieder wählen und auch Führungsverantwortung übernehmen. Anders machen würde ich nur eines: mir früher mehr zutrauen, weniger zweifeln. Ich würde früher unperfekt starten, statt zu warten, bis alles passt. Genau dieses Zögern hält viele Frauen zurück.

Welche Fähigkeiten oder Eigenschaften haben Ihnen geholfen, Führungsverantwortung zu übernehmen?
Technisches Grundwissen ist hilfreich, aber gute Führung geht weit darüber hinaus. Entscheidend sind Empathie, klare Kommunikation und die Fähigkeit, auf unterschiedliche Charaktere und Persönlichkeiten einzugehen. Führung bedeutet, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Technik ist die Basis. Führung entsteht jedoch erst durch soziale Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein.

Was würden Sie jungen Frauen sagen, die überlegen, einen technischen Beruf zu ergreifen, sich aber noch nicht trauen?
Traut euch. Niemand startet mit vollständiger Sicherheit. Wenn man etwas wirklich will und motiviert ist, kann man mehr erreichen, als man selbst glaubt. Nicht zweifeln, sondern anfangen.

Welche Hürden erleben Frauen heute noch beim Einstieg in technische Branchen?
Es existieren nach wie vor klassische Rollenbilder, die beeinflussen, wie Berufe wahrgenommen werden. Wichtig ist, sich davon nicht leiten zu lassen. Technik ist anspruchsvoll, aber das gilt für alle, unabhängig vom Geschlecht. Leistung, Interesse und Motivation sind entscheidend.

Hat sich die Wahrnehmung von Frauen in technischen Berufen in den vergangenen Jahren spürbar verändert?
Ja, Frauen sind sichtbarer geworden. Dennoch gibt es in Führungspositionen noch Aufholbedarf. Wirkliche Gleichstellung ist erst erreicht, wenn wir nicht mehr darüber diskutieren müssen, ob eine Frau Technik kann.

Welche Maßnahmen wären aus Ihrer Sicht notwendig, um mehr Mädchen für technische Ausbildungen zu begeistern?
Frühe Berührungspunkte sind entscheidend, praktische Einblicke, Role-Models und greifbare Projekte. Eltern tragen hier eine große Verantwortung. Sie sollten ihren Töchtern zutrauen, selbst zu entscheiden, welchen Weg sie gehen möchten. Wichtig ist auch zu vermitteln, dass Herausforderungen kein Geschlechterthema sind. Wenn es schwierig wird, sollte man sich nicht hinter dem Frausein verstecken. Technik fordert alle.

Wie haben Sie persönlich gelernt, sich in einer überwiegend männlichen Arbeitswelt zu behaupten?
Ich hatte eigentlich nie wirkliche Schwierigkeiten. Ich bin nie davor zurückgeschreckt, meine Meinung klar zu vertreten. Natürlich gibt es unterschiedliche Maßstäbe, aber davon habe ich mich nicht verunsichern lassen. Am Ende entscheidet die Leistung.

Gab es Situationen, in denen Sie als Frau unterschätzt wurden – und wie sind Sie damit umgegangen?
Ja, die gab es und wird es wahrscheinlich weiterhin geben. Ich habe vieles mit Humor genommen und auch oft zu meinem Vorteil genutzt. Wenn man unterschätzt wird, bekommt man manchmal mehr Freiraum, um zu zeigen, was man wirklich kann. Mit der Zeit wird man gelassener, vieles verliert an Bedeutung. Und ich bin überzeugt: Wenn es für einen selbst kein großes Thema ist, dann machen auch andere weniger eines daraus.

Haben Sie das Gefühl, dass Frauen in Führungspositionen anders bewertet werden als Männer?
Teilweise ja. Bestimmte Verhaltensweisen werden unterschiedlich wahrgenommen. Was bei Männern als Durchsetzungsstärke gilt, wird bei Frauen manchmal kritischer betrachtet. Ich halte aber wenig davon, sich darauf zu fokussieren. Entscheidend ist, professionell zu bleiben, Verantwortung zu übernehmen und konstant gute Arbeit zu leisten. Am Ende zählen Ergebnisse und Verlässlichkeit.

Wie steht Geislinger als Unternehmen in Bezug auf Frauenförderung und Diversität da – und wo sehen Sie noch Potenzial?
Diversität wird nicht als Blockade, sondern als Treiber von Innovation gesehen. Unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen führen nachweislich zu besseren Lösungen. Potenzial sehe ich darin, weibliche Karrierewege noch sichtbarer zu machen und Talente weiterhin gezielt zu fördern, aber immer mit dem Fokus auf Leistung und Entwicklungsmöglichkeiten.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was sollte sich für Frauen in der Arbeitswelt der Zukunft verändern?
Ich wünsche mir gleiche Chancen, aber auch gleiche Erwartungen. Frauen sollten nicht sofort ihr Frausein als Grund sehen, wenn es schwierig wird. Führung, Technik und Verantwortung fordern alle gleichermaßen. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass manche Männer aufhören, sich selbstverständlich überlegen zu fühlen oder im Vorteil zu sehen. Gleichgewicht entsteht nur dort, wo gegenseitiger Respekt selbstverständlich ist. Leistung muss unabhängig vom Geschlecht bewertet werden.

// Zur Person
Sandra Greßl
wurde 1975 geboren und ist Werksleiterin bei der Geislinger GmbH in Bad St. Leonhard mit 630 Mitarbeitern. Sie absolvierte ein Studium für Maschinenbau/Wirtschaftsingenieurwesen und Kommunikationswissenschaften. Greßl ist ledig, ihre Hobbies sind Motorradfahren, Mountainbiken und Yoga.

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