Jugendliche brauchen klare GrenzenAusgabe | Mittwoch, 3. Oktober 2018

Es heißt, Jugendliche seien faul, hätten keine Manieren, seien verantwortungslos usw. Schulpsychologe Peter Zernig kontert: Jugendliche sind nicht so schlecht wie ihr Ruf, sie brauchen aber klare Grenzen.

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Wolfsberg. »Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte«, sagte bereits der griechische Philosoph Sokrates vor über 2.000 Jahren. Und heute beschweren sich Unternehmer, dass Jugendliche nicht einmal die Grundrechnungsarten beherrschen, von Rechtschreibung keine Ahnung haben und ihre Manieren zu wünschen übrig ließen. Es werden Schulfächer wie »Richtiges Benehmen« oder »Glück« und Einrichtungen geschaffen, die jugendlichen Menschen erst wieder beibringen, wie man seinen Tagesablauf organisiert, sie werden zu Psychologen geschickt, weil eine Ermahnung oder Rüge zu einem schweren psychischen Trauma führte. So werden die Jugendlichen heute wahrgenommen. Aber ist unsere Jugend wirklich so verkorkst?

Der Wolfsberger Schulpsychologe Peter Zernig meint: »Nein. Es gibt die Jugend in dem Sinn nicht mehr. Man muss das schon differenzierter betrachten. Gewisse Bedenken sind natürlich berechtigt, aber die Jugendlichen sind besser, als man denkt.«

Ansprüche und Erwartungen
An die Jugendlichen werden in der heutigen Zeit laut Zernig zu viele Ansprüche und Erwartungen gestellt, es kommt zu zahlreichen Konfliktfeldern: »Da gibt es Erwartungshaltungen von Freunden, der Schule, Vereinen und im Beruf. Das alles zu bewältigen ist für die Jugendlichen nicht einfach.« In der schnelllebigen Zeit mit Facebook, Twitter und Co. werden sie mit Reizen überflutet und stehen dem oft überfordert gegenüber. »Die vielen negativen Berichte über Krisen erzeugen zudem eine große Verunsicherung«, so Zernig. Er meint, Jugendlichen stehen heute zwar alle Wege offen, für sie sei es aber nicht leicht, ihren Platz zu finden.

»Konsumitis«
Ein großes Problem ist laut Zernig auch, dass die Wirtschaft die Jugendlichen als lukrative Kunden entdeckt hat und durch die Medien Idealbilder geschaffen werden, die in der Realität niemals erfüllt werden können. »Die Jugendlichen unterliegen ›Konsumitis‹ und Ansprüchen, die fernab der Realität sind, und diese Schere können viele einfach nicht bewältigen«, so Zernig.

Nicht alles verteufeln
»Die Erwachsenen müssen im Umgang mit Jugendlichen mehr Verständnis zeigen, sich Zeit für sie nehmen. Das ist besser als jede materielle Zuwendung. Und man muss sie vor allem ernst nehmen und ihnen auch einmal etwas zutrauen«, meint Zernig. Die Belastbarkeit der Jugendlichen habe laut dem Schulpsychologen nicht abgenommen, aber der gesellschaftliche Druck sei in den vergangenen Jahren größer geworden.
In dieser Zeit wurden aber auch Einrichtungen geschaffen, die Jugendliche beim Erwachsenwerden unterstützen sollen. »Es ist sehr wichtig, dass es solche Institutionen gibt, aber damit ist das Grundproblem noch nicht behoben«, meint Zernig. Wichtig sei eine intakte Familie, aber auch die Unterstützung der Gesellschaft. Dadurch würden wichtige Stabilisierungsmöglichkeiten geboten. Gerade im städtischen Bereich gebe es diese aber nicht mehr. »Die Jugendlichen brauchen klare Grenzen. Man sollte sie aber nicht einschränken, sondern ihnen Hilfestellungen geben und Kindern und Jugendlichen auch einmal etwas zutrauen«, meint Zernig.

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