Super-GAU vor 35 Jahren: Lavanttaler erinnern sich an den Tag, an dem das AKW Tschernobyl brannteAusgabe 18 | Mittwoch, 5. Mai 2021

Der Reaktorunfall von Tschernobyl (UKR) jährt sich heuer zum 35. Mal. Am 26. April 1986 kam es zum Störfall, wodurch radioaktive Stoffe freigesetzt und durch den Wind über ganz Europa verbreitet wurden. Noch heute sind die Auswirkungen im Lavanttal messbar.

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Unterkärntner Nachrichten Redakteur Michael Swersina Von Michael Swersina m.swersinano@spamunterkaerntner.at
Um 1.23 Uhr explodierte der Reaktor in Tschernobyl. Die Folgen sind bis heute spürbar. Christian Vallant (l.) Kurt Szecsödi (Mitte) und Karl Umschaden (r.) erinnern sich an den 26. April 1986. Fotos: KK/privat

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Wolfsberg. Am 26. April 1986 kam es im vierten Block des Atomkraftwerks »Lenin« in Tschernobyl in der heutigen Ukraine (damals UdSSR) zu einem schweren Störfall, dem ersten, der auf der internationalen Störfallskala (INES) mit der höchsten Stufe, nämlich sieben, bewertet wurde. In Folge einer Explosion kam es zu einem Graphitbrand und zur Freisetzung radioaktiver Stoffe, die in bis zu 10.000 Meter Höhe aufstiegen und vom Wind über ganz Europa verbreitet wurden. Auch Österreich war vom radioaktiven Fallout betroffen. Noch heute sind Nachwirkungen messbar: Die Böden sind nach wie vor mit radioaktivem Cäsium-137 belastet. Die höchsten Werte verzeichnen Gebiete in Kärnten, Oberösterreich, Salzburg und der Steiermark.

Die Österreichische Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) prüft jährlich fast 1.000 Lebensmittelproben auf Radioaktivität.  In landwirtschaftlich erzeugten Produkten sind die Cäsium-137-Gehalte wieder auf dem Niveau wie vor dem Tschernobylunfall, in wildwachsenden Pilzen und Wildbret können aber höhere Cäsium-137-Werte auftreten. Daher findet in der AGES ein regelmäßiges Monitoring von Wildfleisch und Pilzen auf Cäsium-137 statt. 

FF Wolfsberg im Einsatz

Im Zusammenhang mit der Reaktorkatastrophe hatte im Jahr 1986 auch die Freiwillige Feuerwehr Wolfsberg einige Einsätze zu verzeichnen. Zu diesem Zeitpunkt verfügte die Feuerwehr Wolfsberg über zwei Strahlenmessgeräte. Mithilfe dieser Geräte wurden vier Tage nach dem Vorfall erstmals Strahlenmessungen im Stadtgebiet von Wolfsberg durchgeführt. Von 7. bis 12. Mai 1986 wurde dann im Auftrag des Zivilschutzverbandes täglich gemessen. Ab 8. Mai 1986 wurden Straßen, Plätze und besonders Kinderspielplätze mithilfe der Tanklöschfahrzeuge gereinigt.

Lavanttaler erinnern sich

Der Wolfsberger Christian Vallant kann sich sehr gut an den Tag des Unglücks erinnern. Er erzählt: »Ich war damals Schüler am BORG Wolfsberg. Beim Frühstück hörte ich im Radio gerade den ›Dschi Dsche-i Wischer Dschunior‹ (Anm.: eine kurze tägliche Radio-Comedy). Die Sendung wurde plötzlich unterbrochen und es kamen erste Meldungen vom Reaktorunfall und dass es auch über Österreich eine radioaktive Wolke gibt. Als ich in der Schule angekommen war, hatten wir Chemieunterricht. Unser Professor erklärte uns, wie ein Geigerzähler funktioniert und führte uns gleich den Schulzähler vor. Schon in der Klasse war ein Rattern des Geigerzählers – ein Zeichen für Strahlung – zu hören. An diesem Tag regnete es auch noch, und als er den Geigerzähler aus dem Fenster hielt, hat das Gerät so richtig gerattert. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ein Schüler etwas verspätet zum Unterricht kam und seine Kleidung vom Regen nass war. Der Test mit dem Geigerzähler war erschreckend. Professor Ban hat dann gemeint, er solle gleich nach Hause gehen, sich umziehen und duschen.«

Doch das war nicht das einzige Erlebnis Vallants an diesem Tag. Auf dem Heimweg von der Schule bemerkte er am Straßenrand zahlreiche tote Vögel. »Das war beängstigend. Ich weiß aber nicht, ob es etwas mit der Verstrahlung zu tun hatte«, so Vallant. Am Nachmittag kam im Radio die Warnung, man solle keinen Salat oder Gemüse aus dem Garten essen. Auch Milch solle man vermeiden. Wer unbedingt Milch trinken wollte, sollte auf Haltbarmilch zurückgreifen. Die Entwarnung bezüglich Milch- und Gartenprodukte kam rund zwei Wochen später.

Es war beklemmend

Noch gut an den Tag der Katas-trophe kann sich der St. Pauler Kurt Szecsödi erinnern: »Als im ORF-Fernsehen erstmals über die Nuklearkatastrophe in Tschernobyl Ende April 1986 berichtet wurde, schien alles so weit weg und unwirklich zu sein. Wir hatten aber schon Angst und ein beklemmendes Gefühl, denn die Regenwolken verteilten die nukleare Strahlung in Europa auch bis zu uns. Besonders die Kor- und Saualm waren davon betroffen. Damals bestand noch die Sowjetunion, die politische Führung der Kommunistischen Partei (KPdSU) berichtete erst nach Tagen und spielte die nukleare Gefahr bewusst herunter. Österreichs Bundeskanzler Fred Sinowatz war mit dieser noch nie dagewesenen Situation schlichtweg überfordert, es konnte nicht anders sein. Die Empfehlungen, sich nicht im Freien aufzuhalten, Kinder nicht auf den Spielplatz und in der Sandkiste spielen zu  lassen, keinen Salat aus dem Garten essen, verängstigten die gesamte Bevölkerung. Meine Mutter und Schwiegermutter versorgten uns seit vielen Jahren mit Gemüse und Obst aus ihren Gärten, jetzt sollte alles wegen der Bodenverstrahlung nicht mehr essbar sein? Unser Sohn war drei Jahre alt, es war beklemmend, nur in der Wohnung bleiben zu müssen. Erstmals wurde uns allen bewusst, dass Atomkraftwerke eine gewaltige Gefahr für die Menschheit darstellen und weite Teile eines Landes unbewohnbar machen können.«

Der ehemalige Schuldirektor Karl Umschaden erinnert sich an die Zeit der Katastrophe zurück. Damals war er als Lehrer in Wolfsberg tätig. »Am Morgen hörte ich  die erste Meldung über den Unfall in Tschernobyl im Radio, etwas später sah ich dann auch im Fernsehen die ersten Bilder davon. In der Schule wurden sofort Maßnahmen getroffen. Die Fenster mussten geschlossen bleiben und es gab auch keine Aktivitäten mehr im Freien. Durch das schlechte Wetter wurde die Situation noch weiter verschärft. Die für 1. Mai geplante Feier mit dem Maibaumaufstellung wurde in den Turnsaal verlegt. Wir hatten in der Schule einen Geiger-Zähler und haben auch sofort Messungen vorgenommen. Es gab im Gebäude aber kaum Strahlung. Es war aber natürlich alles sehr beängstigend, denn es war alles Neuland. Niemand wusste, wie man mit dieser Situation umgehen sollte. Es kamen ja auch die Informationen nur sehr langsam und brockenweise durch. Natürlich war der Unfall das Thema Nummer eins an diesem Tag, aber auch in den darauffolgenden Wochen. Ich weiß noch, dass es hieß, man solle keine Milchprodukte kaufen und sich nicht im Freien aufhalten. Wir wussten nur, dass die Koralm besonders betroffen war.« Umschaden ist bis heute bei Pilzen vorsichtig.

»Der Zwischenfall bereitete mir schon auch schlaflose Nächte«, so der frühere Schuldirektor, »denn es wusste ja niemand, was noch alles kommen würde und wie sich das Ganze langfristig auswirkt. Es war schon befremdlich, denn der Unfall war sehr weit weg von uns, und trotzdem hat er uns betroffen. Das war für viele sehr verwunderlich. Ich hoffe natürlich, dass so etwas nie wieder vorkommt. Deswegen finde ich es auch befremdlich, dass noch immer Atomkraftwerke gebaut werden – sogar vor unserer Haustür in Krsko. Da müsste die heimische Politik aktiver und energischer dagegen vorgehen.«

Noch heute, 35 Jahren danach, werden auf der Koralpe in Pilzen erhöhte Strahlenwerte gemessen. Doch diese sind mittlerweile großteils sehr gering. Auf der Pilzkarte des Bundesumweltamts wird die Verseuchung von Böden mit Cäsium 137 angezeigt. Dabei ist lediglich das Gebiet rund um den Großen Speikkogel tiefrot. Das bedeutet eine Belastung von 60 bis 100 Kilobecquerel pro Quadratmeter. Das restliche Gebiet der Koralpe liegt bei 40 bis 60 kBq/m2. Der Talboden liegt bei einer Belastung von 10 bis 15 kBq/m2, die Saualpe bei 25 bis 40 kBq/m2. Die mittlere Flächenbelastung in Österreich beträgt 21 kBq/m2 . Der EU-Grenzwert für radioaktives Cäsium in Lebensmitteln liegt bei 600 Becquerel pro Kilo. 

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