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Lavanttal. Das Hantavirus sorgte zuletzt für Schlagzeilen, nachdem Passagiere auf dem Kreuzfahrtschiff »Hondius« positiv getestet worden und drei von ihnen verstorben waren. Während international vor allem Ausbrüche mit gefährlicheren Virusvarianten beobachtet werden, bleibt die Lage in Österreich laut dem aus Pack stammenden Virologen Florian Krammer derzeit aber stabil. Dennoch mahnt der renommierte Forscher zur Vorsicht – insbesondere in den Hotspot-Regionen Steiermark und Unterkärnten.
»Ich denke nicht, dass es mit dem Andesvirus (Anm.: dem Hantavirus, das den Ausbruch auf der »Hondius« verursacht hat) zu einem größeren Ausbruch kommt. Die Lage ist scheinbar unter Kontrolle«, erklärt der 43-Jährige im Gespräch mit den Unterkärntner Nachrichten. Größere Sorgen bereite ihm aktuell vielmehr der Ebolavirus-Ausbruch in anderen Teilen der Welt. Für Österreich bestehe diesbezüglich aber keine unmittelbare Gefahr.
Seit Jahren gelten die Steiermark sowie das östliche Kärnten als Schwerpunktregionen für Hantavirus-Infektionen. Warum gerade dort vergleichsweise viele Fälle auftreten, sei wissenschaftlich allerdings bis heute nicht vollständig geklärt. »Die Rötelmäuse, die das Virus übertragen, gibt es in ganz Österreich«, sagt Krammer. Mit einem Augenzwinkern ergänzt er: »Vielleicht sind die Steirer und Kärntner einfach gründlicher beim Garage putzen.« Ernsthaft betrachtet bleibe die regionale Häufung jedoch »ein großes Rätsel«.
Derzeit deute vieles auf eine »normale Saison« hin. Dennoch spielen Umweltfaktoren bei der Entwicklung der Fallzahlen eine wichtige Rolle. »Die Mäusepopulation nimmt zu, wenn es viel Futter gibt – also Bucheckern, Eicheln und andere Samen«, erklärt der Virologe. Jahre mit mehr Niederschlag würden das Nahrungsangebot verbessern, wodurch im Folgejahr mehr Rötelmäuse vorkämen – und damit auch mehr potenzielle Infektionen.
Nach Ansicht Krammers wird das Hantavirus in der Öffentlichkeit oft unterschätzt. »Es wäre wichtig, wenn Menschen und auch Hausärzte in den betroffenen Gebieten Bescheid wissen, damit es schnell zu einer richtigen Diagnose kommen kann«, betont er. Zwar gebe es keine spezifische Therapie gegen das in Österreich dominierende Puumalavirus, allerdings verfügten die Landeskrankenhäuser in Kärnten und der Steiermark über erfahrene Spezialisten. »Aber dazu braucht es eben zuerst eine richtige Diagnose«, fügt Krammer hinzu.
Der Überträger
Übertragen wird das Virus vor allem über Ausscheidungen infizierter Rötelmäuse. »Diese Ausscheidungen können austrocknen und, wenn man sie als Staub einatmet, kann man sich infizieren«, erklärt Krammer. Besonders häufig geschehe das beim Auskehren von Garagen, Gartenhütten oder landwirtschaftlichen Gebäuden. Gefährdet seien deshalb vor allem Menschen im ländlichen Raum – darunter Wanderer, Jäger, Bauern, Holzarbeiter oder Beschäftigte in holzverarbeitenden Betrieben und Papierfabriken.
Eine Übertragung von Mensch zu Mensch spiele beim in Österreich verbreiteten Puumalavirus hingegen keine Rolle. »Bei keinem Hantavirus – außer dem Andesvirus – hat man das bisher beobachtet«, sagt Krammer. Über die Gefährlichkeit des Andesvirus spricht Krammer übrigens auch in einer seiner jüngsten Folgen in seinem Podcast »viroLOGISCH«.
Im internationalen Vergleich gilt die in Österreich vorkommende Hantavirus-Variante als weniger tödlich. Die Sterblichkeitsrate liege »bei etwa 0,5 Prozent oder sogar darunter«. Andere Hantavirus-Arten seien deutlich gefährlicher: »Das Dobrava-Belgrad-Virus hat eine Mortalitätsrate von etwa zehn Prozent, das Andesvirus zwischen 20 und 40 Prozent.« Dennoch warnt der Virologe davor, die Erkrankung zu verharmlosen: »Sie ist trotzdem oft schwer und es dauert lange, bis man sich erholt hat.«
»Es ist faszinierend, wie etwas so Kleines wie ein Virus, so viel Schaden anrichten kann«
Florian Krammer, Virologe
Besonders tückisch sei, dass die ersten Symptome leicht mit einer gewöhnlichen Grippe verwechselt werden können. »Anfänglich treten Fieber, Gliederschmerzen, Müdigkeit, Kopfweh oder niedriger Blutdruck auf«, schildert Krammer. Erst später kämen häufig Nierenprobleme hinzu. Zudem sei die Inkubationszeit ungewöhnlich lang und betrage »etwa zwei bis sechs Wochen«.
Wer also im Frühjahr, Sommer oder Herbst Kontakt mit Mäusen oder deren Ausscheidungen gehabt habe und danach grippeähnliche Symptome entwickle, sollte laut Krammer unbedingt auch an eine Hantavirus-Infektion denken.
Wie viele schwere Verläufe tatsächlich auftreten, sei wissenschaftlich nicht vollständig geklärt. »Schon recht oft. Man muss so eine Infektion auf jeden Fall sehr ernst nehmen«, betont der Forscher. Gleichzeitig gebe es vermutlich auch viele milde oder symptomlose Verläufe, die nie diagnostiziert würden. Gemeinsam mit dem Grazer Mediziner Robert Krause plant Krammer deshalb eine serologische Studie, bei der Blutserum untersucht wird, um das Vorhandensein von spezifischen Antikörpern oder Antigenen nachzuweisen. Auch Langzeitfolgen seien nach einer Hantavirus-Infektion möglich. »Es dauert oft sehr lange, bis man sich komplett erholt hat, manchmal einige Monate«, weiß Krammer.
Eine aktuelle Forschung
In seiner aktuellen Forschung beschäftigt sich Krammer mit einer weiteren offenen Frage: »Wir arbeiten daran, ob sich Puumala-viren nach einer Infektion in bestimmten Organen über Monate oder Jahre festsetzen können.« Ähnliche Beobachtungen habe man bereits bei Ebolaviren gemacht. Besonders spannend seien zudem Erkenntnisse zur Immunabwehr. »Wir sehen bei vielen Menschen, die eine Puumalavirus-infektion hatten, neutralisierende Antikörper gegen viele unterschiedliche Hantaviren – inklusive dem Andesvirus«, erklärt der Virologe. Daraus könnten langfristig neue Therapieansätze entstehen. Denkbar seien etwa sogenannte monoklonale Antikörper als Behandlungsmöglichkeit. »Momentan haben wir allerdings nicht genug Forschungsförderung, um das umzusetzen«, räumt der Virologe ein.
Für Gemeinden und Haushalte empfiehlt der Experte vor allem einfache Schutzmaßnahmen. »Bei Arbeiten in Bereichen, wo Staub aufgewirbelt wird und Mäuse vorkommen, sollte man eine FFP2-Maske tragen«, rät er.
Seine wichtigste Botschaft an die Bevölkerung ist klar: »Man sollte wissen, dass es diese Viren gibt, wo sie herkommen und welche Symptome sie auslösen. Das hilft bei der Vermeidung von Infektionen und bei der schnellen Diagnose.«
Was ihn persönlich bis heute an der Virologie fasziniert? »Dass etwas so Kleines wie ein Virus mit so wenigen Genen so viel Schaden anrichten kann«, sagt Krammer. Gleichzeitig beeindrucke ihn, »wie unser Immunsystem mit diesen Viren umgeht und sie abwehrt«.

Von Philipp Tripolt
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