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Wolfsberg. Es war ein gewöhnlicher Vormittag im November des Vorjahrs, als Regina Thonhauser (56) mit dem Auto von St. Margarethen Richtung Wolfsberg unterwegs ist. Die 56-Jährige – sie war 35 Jahre lang Elementarpädagogin, ist Ehefrau und Mutter von drei Kindern – bemerkt an diesem Tag aber etwas Ungewöhnliches, das ihr weiteres Leben prägen sollte. Auf Höhe der Ortstafel, im Bereich Raggl, sieht sie zwei freilaufende Schäferhunde auf der Straße. »Sie sind kreuz und quer gelaufen, haben sich verhalten wie Tiere auf der Jagd«, erinnert sie sich. Langsam fährt sie den beiden Tieren hinterher, als die Hunde eine Frau mit einem Kinderwagen und einem kleinen Hund am Gehsteig entdecken. »Die beiden Schäferhunde sind sofort auf sie zugestürmt«, erzählt Thonhauser. Als sie anhält und aussteigt, ist ihr bewusst, dass sie sich selbst in Gefahr begibt: »Ich habe mir gedacht: Das ist jetzt meine Aufgabe. Ich muss helfen. Wenn ich weiterfahre, wenn ich jetzt nicht eingreife, könnte ich mir das nie verzeihen.«
Die Schäferhunde hatten es auf den kleinen Hund abgesehen, einen griechischen Straßenhund, der von der jungen Wolfsberger Mutter adoptiert worden war und Gaia heißt. Die Frau versuchte am Gehweg verzweifelt, ihr Tier zu schützen, ging in die Knie und wurde dabei von den Schäferhunden im Gesicht und an den Unterarmen verletzt. Thonhauser schob den Kinderwagen der Frau aus der Gefahrenzone und stellte sich den Hunden entgegen. »Es war unvorstellbar. Ich habe fürchterlich geschrien und versucht, sie abzuwehren.« Doch die Schäferhunde waren weder auf Thonhauser noch auf die Wolfsbergerin mit ihrem Kind aus, sie hatten die Fährte von Gaia aufgenommen.
Als sich Gaia unter das Auto von Regina Thonhauser rettete, nutzte die 56-Jährige den Moment. Sie deckte den kleinen Hund mit ihrem Mantel ab und versperrte den zwei Angreifern die Sicht. Schließlich ließen sie ab und liefen davon. Ein Passant alarmierte die Rettung. Die Wunden der Wolfsbergerin und die ihres Hundes mussten genäht werden.
Am Abend schrieben sich die beiden Frauen. Thonhauser erzählt: »Wir haben uns vorher nicht gekannt, nach dem Vorfall aber unsere Nummern ausgetauscht. Sie hat gemeint, dass ich sie gerettet hätte, aber ich habe ihr geschrieben, dass wir das zusammen geschafft haben.« Noch heute denkt Thonhauser an die Szene, wenn sie an der Ortstafel vorbeifährt. »Es wird wohl noch eine Zeit lang dauern, bis das nicht mehr so ist«, sagt sie und fügt hinzu: »Ich denke aber nicht mit Angst zurück, sondern mit Dankbarkeit, dass es gut ausgegangen ist.«
Ehrenkreuz des Landes
Für ihren Mut wird sie wenig später vom Land Kärnten mit dem Ehrenkreuz für Lebensrettung ausgezeichnet (wir berichteten) – als einzige Frau unter den Geehrten. »Für mich war es selbstverständlich zu helfen. Ich habe diese Entscheidung für mich getroffen, auch wenn nicht jeder Verständnis dafür hat, dass ich eingeschritten bin. Wenn wir in so einer Situation nicht helfen, haben wir als Gesellschaft versagt«, sagt die 56-Jährige.
»Wenn wir in so einer Situation nicht helfen, haben wir als Gesellschaft versagt«
Regina Thonhauser, Lebensretterin
Zu diesem Vorfall kam es letztendlich, weil die beiden Schäferhunde die Hündin Gaia gewittert hatten. Gaias Besitzerin war, salopp ausgedrückt, »im Weg« und wurde dadurch von den Hunden verletzt. »Oft heißt es: Selbstschutz vor Fremdschutz. Aber in der Realität schützt man, was man liebt. Die junge Frau hätte ihren Hund niemals im Stich gelassen«, sagt Thonhauser.
Rückblickend auf diesen Tag im November sagt die 56-Jährige: »Ich habe gesehen, dass Mut wichtig ist und sich auszahlt. Ich würde es wieder tun.« Viele Menschen hätten ihr später gesagt, sie hätten sich das nicht getraut. Für Thonhauser ist es eine Frage der Haltung und eine Botschaft, die sie weitergeben möchte, vor allem an ihre eigenen Kinder: »Mutig durchs Leben gehen, Empathie zeigen, Mitgefühl haben.«
St. Pauler Waldgeschichten
Diese Werte prägen auch ihr großes Herzensprojekt: die »St. Pauler Waldgeschichten«. Thonhauser schreibt die Theaterstücke selbst, bringt Kinder und Erwachsene gemeinsam auf die Bühne. Im vergangenen Jahr fanden die Veranstaltungen unter dem Titel »Diebe der Liebe« statt, heuer trägt das neue Stück den Titel »Ticket zum Mars«. Vom 18. Juli bis 9. August sind acht Aufführungen geplant. Wieder geht es um Mut und Verantwortung und darum, den eigenen Planeten zu schützen. Weitere Infos gibt es demnächst online unter www.stpaulerwaldgeschichten.at.
Mit dem Ende ihres letzten Kindergartenjahrs im Juni 2025 hat für Thonhauser ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Nach Jahrzehnten, in denen sie, wie sie selbst sagt, »in einer Maschinerie funktioniert hat, damit es allen gut geht«, richtet sie den Blick nun stärker auf ihre eigenen Projekte: ihre Waldgeschichten, Illustrationen und Kinderbücher.

Von Philipp Tripolt
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