74 Jahre nach Hitlers Selbstmord: Wolfsberg erkennt dem »Führer« die Ehrenbürgerschaft abAusgabe 51 | Mittwoch, 18. Dezember 2019

Am 29. Juni 1932 verlieh die damalige Gemeinde Reisberg, heute Teil von Wolfsberg, Hitler die Ehrenbürgerschaft. Korrigiert wurde dieser Schritt nie, wie jetzt nach Recherchen der Stadt klar wurde. Das soll in der nächsten Sitzung des Gemeinderats geschehen.

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Wolfsberg. Spät, aber doch. Der Wolfsberger Gemeinderat will in seiner am Freitag, 20. Dezember, stattfindenden Sitzung dem »Führer« und Reichskanzler Adolf Hitler die 1932 von der Gemeinde Reisberg verliehene Ehrenbürgerschaft aberkennen. Der entsprechende Tagesordnungspunkt mit der Nummer 4 lautet auf »Widerruf« gemäß Paragraf 16, Absatz 2 der Kärntner Allgemeinen Gemeindeordnung. In der entsprechenden Bestimmung heißt es: »Die Ehrung kann vom Gemeinderat widerrufen werden, wenn sich der Geehrte der Auszeichnung als unwürdig erweist.« Der Widerruf benötigt die Zustimmung von mindestens drei Vierteln der Gemeinderäte. Da von einem einstimmigen Beschluss auszugehen ist, wird es sich quasi um ein Weihnachtsgeschenk an die Demokratie handeln.
Der Wolfsberger Bürgermeister Hans-Peter Schlagholz (SPÖ) sagt dazu: »Ich wusste natürlich, dass Hitler die Ehrenbürgerschaft von Reisberg hat. Was ich nicht wusste, ist, dass sie nie aufgehoben wurde.« Dieses »Erbe« soll jetzt bereinigt werden.

»Ich gehe von einem einstimmigen Beschluss aus. Alles andere wäre Wiederbetätigung«
Hans-Peter Schlagholz, Wolfsberger Bürgermeister

Denn Reisberg war nach dem Krieg Teil von St. Marein, das 1973 zu Wolfsberg kam – und mit dem neuen Ortsteil auch Hitlers Ehrenbürgerschaft.
»Wir gingen davon aus, dass die Ehrung mit Hitlers Tod (Anm.: Er hatte sich am 30. April 1945 in Berlin eine Kugel in den Kopf gejagt) erloschen sei«, sagt Schlagholz. »Dann wurde ich – ich glaube von  FPÖ-Stadtrat Johannes Loibnegger  – darauf angesprochen. Ich habe unserer Amtsleitung den Auftrag gegeben, zu überprüfen, ob die Ehrenbürgerschaft noch immer besteht.« Das Ergebnis: Sie ist weder erloschen noch wurde sie aberkannt. Jetzt soll der Gemeinderat 87 Jahre nach der Verleihung, bzw. 74 Jahre nach Hitlers Tod einen Schlussstrich unter die ungustiöse Causa ziehen. Schlagholz geht von einem einstimmigen Beschluss aus. »Denn alles andere wäre Wiederbetätigung«, sagt er.

Besser als niemals
Der Lavanttaler Historiker Alexander Verdnik, der mehrere Bücher über die NS-Vergangenheit der Region veröffentlichte, meint zum Antrag: »Besser als nie. Man weiß ja schon lange, dass sich manche Gemeinden in dieser Zeit besonders profiliert haben. Österreichweit passiert auf diesem Gebiet jetzt einiges, etwa was die Umbenennung von Straßen betrifft.« Den Widerruf von Hitlers Ehrenbürgerschaft bezeichnet Verdnik als »absolut begrüßenswert, es ist auf jeden Fall eine Distanzierung und ein symbolischer Akt. Es ist schön, wenn die Politik dunkle Flecken bereinigt.«

»Der Widerruf ist absolut begrüßenswert, es ist eine Distanzierung und ein symbolischer Akt«
Alexander Verdnik, Historiker

Das Wissen um Hitlers noch immer aufrechte Ehrung war laut dem Historiker nicht allgemein, »aber in der Literatur wurde immer darauf hingewiesen, etwa von Christian Klösch oder von mir«. Die Frage, ob in diesem Bereich weiterer Handlungsbedarf besteht, bejaht Verdnik: »Einige Namensgebungen und Ehrenbürgerschaften wären noch zu tilgen.«

Markige Antwort
In seinem Buch »Wolfsbergs dunkelstes Kapitel – NS-Herrschaft im Lavanttal« weist Verdnik darauf hin, dass Reisberg die »erste Führergemeinde der Ostmark« war. Überliefert ist auch der markige Dankesbrief Hitlers an die Gemeinde, die ihn am 29. Juni 1932, noch vor seiner Ernennung zum Kanzler, ausgezeichnet hatte. Im Schreiben heißt es: »Für die Ehrung, die Sie mir mit der Verleihung des Ehrenbürgerrechts Ihrer Gemeinde erwiesen haben, danke ich Ihnen sehr. Ich nehme die mir angetragene Ehrenbürgerschaft an.« Auf eine Gegenleistung warteten die damaligen Reisberger Gemeindeoberen ebenso vergeblich wie auf einen Besuch des »Führers« ...

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