Der ProfifotografAusgabe | Mittwoch, 29. Mai 2019

Der St. Andräer Paul Meyer startete seine Karriere als Fotograf in London und hat nun ein Unternehmen für Fotografie und Gestaltung in Deutschland gegründet. Im Gespräch mit den Unterkärntner Nachrichten spricht er über seine Anfänge und das Leben im Ausland.

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Ihre Familie führt in St. Andrä ein Traditionsunternehmen. War es nie angedacht, dass Sie einmal den Betrieb übernehmen werden?
Diese Frage stellte sich bei mir nie. Ich habe Gott sei Dank einen großen Bruder, der in der Zeit, wo es bei mir um die Berufswahl ging, bereits im Betrieb tätig war. Daher stand das nie zur Diskussion.

Wie ist es dann dazu gekommen, dass Ihre Wahl auf  Fotograf fiel?
Ich habe früh mit dem Fotografieren angefangen und es war bereits als Kind meine große Leidenschaft. Nach der Matura wollte ich keinen typischen Beruf lernen und nahm Kontakt zu Menschen auf, die als Fotografen tätig waren. Ich war immer von Geschichten fasziniert und wollte diese in Bildern ausdrücken. Ich habe schließlich die Akademie für Fotografie und Design in Wien absolviert und mich dazu entschlossen, Fotograf zu werden.

Bis man als Fotograf Aufträge bekommt, dauert es einige Zeit, oder?
Nachdem ich die Akademie abgeschlossen hatte, wollte ich von Fotografen lernen und habe einen Job als Assistent gesucht. Leider war das in Wien unmöglich. Ich schickte zwar zahlreiche Bewerbungen raus, bekam aber immer Absagen. Da waren Aussagen dabei wie »Du kannst schon meine Blitze tragen, aber bezahlen kann ich dich nicht.«

Und wie ging es dann weiter?
Ich war frustriert, denn ich musste einsehen, dass es bei uns nicht leicht ist, einen entsprechenden Job zu finden. Also habe ich einen Flug nach London gebucht. Ich bin lediglich mit einem Rucksack, meiner Kamera und Laptop nach England aufgebrochen.

In England war es leichter?
Nach meiner Ankunft ging ich in einen Coffee-Shop und habe mich auf einem Fotoassistentenportal angemeldet. Binnen zehn Minuten hatte ich meinen ersten Job. Ich bin am Mittwoch gelandet, am Freitag arbeitete ich bereits.

Warum haben Sie London nach rund zweieinhalb Jahren wieder verlassen?
Ich habe in der Zeit in England intensiv mit einem deutschen Fotografen zusammengearbeitet. Anfang 2016 hat er mich gefragt, ob ich nicht nach Deutschland möchte und da bin ich umgezogen. Ich habe dann über zwei Jahre lang Fotos als Teil einer Werbeagentur gemacht.

Und dann gab es einen neuerlichen Ortswechsel?
Ende 2018 habe ich mich gemeinsam mit einer Kommunikationsdesignerin selbstständig gemacht und wir haben ein Studio für Fotografie und Gestaltung gegründet.

Worauf sind Sie spezialisiert? 
Ich war von Anfang an auf Interior und Essen spezialisiert. Diese beiden Themen treffen beim Tourismus zusammen. Auch heute liegt der Fokus im Tourismus. Ich erzähle mit den Fotos eine Geschichte, sei es über Unternehmen, Menschen, Dienstleistungen oder Waren. Aber wir decken auch andere Themenbereiche ab. Wenn jemand ein neues Zeitungsdesign braucht oder ein Einrichtungshaus ein Magazin entwickeln will, dann sind wir der richtige Ansprechpartner. 

Die Geschäfte laufen gut?
Der Start hat sehr gut funktioniert. Ich freue mich, dass ich das Gelernte in Wien, London und aus drei Jahren Deutschland nutzen kann. Ich bin rund 130 Tage im Jahr unterwegs. Es macht mir Spaß immer neue Themen aufzugreifen und viele unterschiedliche Menschen zu treffen.

Wie war das Leben in einer Metropole wie London?
Es war super, ich denke heute noch gern an die Zeit zurück. Obwohl es für jemanden, der aus einer ländlichen Gegend kommt, schwer war, Fuß zu fassen. Es gibt in London so viele Ablenkungen. Aber es war eine Schule fürs Leben. Ich musste ohne fremde Hilfe von 0 auf 100 kommen, das war schon sehr spannend. Man kann in solchen Städten sehr gut sehen, wie wir von der Werbung beeinflusst werden, ständig wird den Menschen suggeriert, etwas zu kaufen, das sie nicht brauchen. Das ist das Schöne im Lavanttal, hier wird der wahre Wert von Waren und Dienstleistungen noch mehr geschätzt.  

Wie haben Sie in England die Diskussionen um den Brexit miterlebt?
Es war interessant zu sehen, dass die Diskussion darüber in Österreich oder Deutschland wesentlich intensiver geführt wurde als in England. Es war auch spannend mitzuerleben, wie Menschen, die vor drei Jahren noch für den Austritt Großbritanniens gestimmt hatten, mittlerweile denken, dass sie einen Fehler gemacht haben.

Wollen Sie später einmal wieder ins Lavanttal zurückkehren?
Das glaube ich schon. Es wäre schon schön, meinen Weg zu finden, mich beruflich zu profilieren und dabei in meiner Heimat zu leben. Der Hauptgrund wären meine Familie, Freunde und die Menschen im Lavanttal.

Sie reisen sehr viel. Sind Sie noch regelmäßig im Lavanttal?
Da ich nun in Deutschland lebe, bin ich wieder öfter im Lavanttal. Während meiner Zeit in England, war ich nicht so oft zu Hause, weil ja die Anreise komplizierter und teurer ist. Aber der Kontakt zu meinen Bekannten und Verwandten war immer sehr intensiv. Bei Veranstaltungen wie dem Fetzenmarkt oder dem Gackern war ich aber immer zu Hause im Tal.

Haben Sie Kunden im Lavanttal? 
Ja, die hatte ich immer. Derzeit versuche ich gerade mir im Lavanttal einen größeren Kundenstock aufzubauen.

Wie ist eigentlich das Leben als »Ösi« in Deutschland?
Man wird recht freundlich aufgenommen. Und mit dem Lavanttaler Charme und Humor geht alles leichter. Es hat alles immer sehr gut geklappt, egal ob es Behördenwege waren, oder ich eine Firma gründen wollte, da hat es niemanden interessiert, dass ich kein Deutscher bin.

Wie geht man in Deutschland mit der aktuellen politischen Krise in Österreich um?
Deutschland ist ein großes Land, also kann ich nicht von allen sprechen, aber im Grenzgebiet wird man schon ein wenig belächelt und auch ziemlich oft deswegen aufgezogen. Aber es scheint so, als würde die österreichische Politik die Deutschen nicht so interessieren. Sie sehen uns als kleinen Bruder und der wird nicht so ernst genommen. Da ist oft auch der nötige Respekt uns gegenüber nicht vorhanden.

Am Wochenende waren EU-Wahlen. Sind Sie wählen gegangen?
Natürlich. Wir dürfen nicht immer nur über Gurkenkrümmung und Pommesbräune diskutieren, man sollte den jungen Menschen die vielen Vorteile aufzeigen. Europa steht den Menschen offen, ich kann mich ohne Pass frei in Europa bewegen, arbeiten wo ich will, ein Unternehmen gründen und alles erreichen, was ich will. Um ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu kommen, müssen wir nicht verreisen.

Sie haben gesagt, Sie haben eine Sieben-Tage-Woche. Was tun Sie, um einmal abzuschalten?
Eine große Leidenschaft ist Musik. Die brauch ich zum Abschalten, sie kann mich aber auch ganz schnell auf Tempo bringen, wenn es nötig ist. Ich sehe meine Freizeit als Teil meines Jobs, durch die Kamera erlebe ich die Welt. Sie bringt mich an besondere Orte und zu besonderen Menschen. Fünf Tage die Woche in Top-Gastronomien bekocht zu werden und Tourismusregionen zu fotografieren ist mehr als nur arbeiten. Außerdem habe ich in Deutschland noch keine Feuerwehr gefunden, die meiner Wehr und ihrer Wettkampfgruppe 5 das Wasser reichen kann. Da bleib ich stolzes Mitglied der FF St. Andrä.

Haben Sie auch irgendwelche privaten Projekte laufen?
Seit ein paar Jahren arbeite ich an einer Erzählung über fremde Nationen und ihren Entwicklungsstatus, vorwiegend in ehemaligen Kolonialstaaten. Ich möchte durch die Dokumentation der Gegenwart die Teile der Geschichte aufarbeiten, die gerade in Brexit-Zeiten vergessen werden. Von der Veröffentlichung der Fotos bin ich noch weit entfernt, aber es wäre cool, wenn ich diese einmal in der Stadtgalerie in St. Andrä ausstellen könnte oder ein Buch entstehen würde.

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