Alte Bräuche, die sich im Tal um den Tod rankenAusgabe 43 | Mittwoch, 27. Oktober 2021

Allerheiligen steht vor der Türe, jenes Fest, bei dem wir unserer Verstorbenen gedenken. Die Brauchtumsexpertin Sieglinde Talker ruft zu diesem Anlass in Erinnerung, wie früher damit umgegangen wurde, wenn ein Familienmitglied oder Nachbar verstorben ist.

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Unterkärntner Nachrichten Redakteur Horst Kakl Von Horst Kakl kaklno@spamunterkaerntner.at
Eine Totenkrone aus Wachs (großes Bild), wie sie den Verstorbenen einst aufs Haupt gesetzt wurden. Heute befindet sich dieses Stück im Besitz des Museums im Lavanthaus. Die Lavanttaler Brauchtumsexpertin Sieglinde Talker (Bild rechts) hat sich mit der Frage befasst, wie die Menschen früher mit Verstorbenen umgingen. Fotos: Lavantmuseum, UN-Archiv

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Lavanttal. Nach einem mühevollen und arbeitsreichen Leben sowie schweren Krankheiten ist der Tod oftmals eine Erlösung. Oft nimmt er ein Kindchen viel zu früh mit sich – oder eine junge Mutter, die ihre Kleinen zurücklassen muss. Es  gibt viele alte Volksbräuche, die das Sterben und das Begräbnis der Angehörigen begleiten und die auch aus Furcht vor dem eigenen Ende entstanden. Kurz vor Allerheiligen und Allerseelen (1. und 2. November) wollen wir sie in Erinnerung rufen.

In Unterkärnten war es Brauch, das Kleinvieh und die Hühner nach dem Tod der Bäuerin zu füttern. Sonst, sagte man, »stirbt ihr das Vieh nach«. Verstorbene wurden gewaschen und mit einem dunklen Totengewand bekleidet. Frauen wurde nach ihrem Ableben meist das Brautkleid angezogen, von dem aber jede Verzierung entfernt wurde. Jungfrauen erhielten ein weißes Kleid, in dem sie bei Prozessionen die Jungfrauenfahnen getragen hatten, Kindern wurde das Taufhemd angezogen. 

Im Lesachtal wurde jungen Mädchen und Burschen oft ein Myrtenkranz auf den Kopf gesetzt, im Rosen- und Lavanttal benutzt man dafür aus Papier hergestellte Totenkronen, die mit Flittergold und Kunstblumen verziert waren. Oft wurde auch mit einem Wachsstock ein Ring gebildet, Rosmarinzweige hineingesteckt und mit einem roten oder blauen Band umwickelt.

Danach wurde die Leiche in einem Raum aufgebahrt und dem Totengewand ein Sack mit geweihten Palmzweigen beigegeben. Vielfach wurden Leichentücher für die Bahre verwendet, die mit Engeln, Kreuzen und Sprüchen schwarz bestickt waren. Dem verstorbenen Bauern wurde ein Filzhut  aufgesetzt. Dazu wurde auch manchmal eine Wachskrone verwendet.

Ein Bahrtuch für den Pfarrer

Das obere Bahrtuch gehörte früher nach dem Begräbnis dem Pfarrer, das untere dem Mesner. Beide wurden meist an Arme verschenkt. 

Im unteren Lavanttal galten Hemden, die aus Totentüchern gefertigt worden waren, als wirksames Mittel, um Dienstboten beim Haus zu halten. Ebenso war es Brauch, das Gesicht des Verstorbenen mit einem Hut zu bedecken, damit er niemandem schaden konnte.

Bei der Bahre wurde ein Kreuz mit einer brennenden Kerze aufgestellt. An deren Ende wurden auf einem kleinen Tisch ein Öllämpchen und eine Schale Weihwasser mit einem grünen Zweig – er symbolisierte den Lebensbaum – platziert.

Am Abend versammelten sich Verwandte und Nachbarn zum Gebet bei der Bahre. Im Südkärntner Raum wurden davor Kaffee und Brot gereicht, eine Bewirtung, die jeder annehmen sollte, damit der Tote, wenn auch dieser Trauernde eines Tages stirbt, ihn im Himmel wieder erkennt. Nach dem Beten gab es ein Mahl, nach dem alle nach Hause gingen. Bei der Bahre zurück blieb eine alte Frau und hielt Wacht. Morgens musste sie die Angehörigen wecken.

An jenen Tagen, an denen der Verstorbene im Haus aufgebahrt lag, durften nur die notwendigsten Arbeiten verrichtet werden. Dazu waren Fleischspeisen verboten, auch an Sonntagen. An der Bahre durften nur gute Taten des Toten besprochen werden, schlechte Nachreden mussten vermieden werden.

Da früher Partezettel nicht in Gebrauch waren, ging ein Mann mit der Aufgabe des »Bestattungsladens« von Haus zu Haus und gab die Begräbnisstätte bekannt. Vor dem Begräbnis erhielten alle Teilnehmer ein Totenfrühstück, das aus Milchkaffee, Brot, Obstmost, Rauchfleisch und Schnaps bestand. Diese Gaben mussten allerdings von einem Nachbarhof bereitgestellt werden. 

Im Lavanttal trat vor dem Schließen des Sargs ein Sprecher auf, der den Ehepartner, die Kinder und die Nachbarn um Verzeihung bat, falls der Verstorbene ihnen Leid zugefügt hatte. Danach dankte er für alles Gute, das er seinen Angehörigen getan hatte, und bat sie um Gebete.  

Nach mehreren Gebeten wurde der Sarg mit dem Toten aus dem Haus getragen. Zuvor, so war es Brauch, musste an der Haustüre angehalten und drei Mal das Kreuz geschlagen werden. In Friesach war es üblich, dass die Träger an der Pforte mit dem Sarg umdrehten: Das Gesicht des Verstorbenen wurde zur Türe gekehrt, er sollte ein letztes Mal sein Haus sehen.

Beim Totenmahl brachten Frauen Eier, Butter, Mehl und Schmalz. Einige konnten daran nicht teilnehmen, sie mussten zu Hause bleiben und die Bahre wegräumen. Im Aufbahrungsraum brannte drei weitere Tage ein Nachtlicht.

Brot und Mich für die Toten

In manchen Gegenden ist es üblich, zu Allerheiligen in der Stube den Ofen einzuheizen. Auf die Ofenbank werden Kleidungsstücke gelegt, damit sich die armen Seelen wärmen können. Auf den Tisch kommen ein Laib Brot und eine Schüssel warme Milch. All das dient als Zeichen für die Verstorbenen: Wenn sie zu Allerheiligen in ihre Häuser zurückkehren, ist für sie gesorgt. Auch einige Tropfen Weihwasser auf dem Boden soll den Seelen im Fegefeuer helfen. Gesagt wird, wenn an Allerheiligen die Glocken verstummen, müssen die Toten zu ihren Plätzen auf den Friedhöfen zurückkehren. 

Zu Allerheiligen und Allerseelen, wenn die Gräber geschmückt und besprengt, Gottesdienste gelesen und Gebete gesprochen werden, gedenken wir still unserer verstorbenen Angehörigen, Freunde und Bekannten. Sieglinde Talker

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