Seit 1887 | Das unabhängige Wochenblatt für Unterkärnten

»Das Damoklesschwert eines leistungsfähigen Quantencomputers schwebt heute über uns allen«Ausgabe 1 | Mittwoch, 3. Januar 2024

Kryptografie bedeutet wörtlich »geheimes Schreiben« – und ist heute wichtiger denn je. Der 43-jährige Daniel Slamanig zog aus dem Lavanttal aus, um auf diesem Gebiet zu lehren und zu forschen. Er wurde dazu an die Universität der Bundeswehr München berufen.

E-Mail

0 Kommentare

Meist gelesen

Unterkärntner Nachrichten Redakteur Michael Swersina Von Michael Swersina m.swersinano@spamunterkaerntner.at
Der Lavanttaler Daniel Slamanig maturierte am BORG in Wolfsberg, ehe er 2011 mit Auszeichnung im Bereich Kryptografie zum Doktor der technischen Wissenschaften promovierte. Heute lehrt er in München, lebt aber mit seiner Familie seit vergangenem August wieder in Kärnten. Privat

Artikel

Was genau ist Kryptografie? 
Wortwörtlich bedeutet es »geheimes Schreiben« und wurde entwickelt, um den Inhalt von Nachrichten für Unberechtigte unzugänglich zu machen – sie zu verschlüsseln. Lange Zeit war sie überwiegend im militärischen Kontext relevant und ein Ringen zwischen »Codemakers« und »Codebreakers«. Ein bekanntes Beispiel ist die von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg eingesetzte »Enigma«-Maschine, die von den Briten unter Leitung von Alan Turing in Bletchley Park »geknackt« wurde. Mit der Entwicklung leistungsfähiger Computer und einer zunehmenden globalen Vernetzung sind solche »historischen« Verfahren jedoch unsicher und auch konzeptionell nicht mehr ausreichend. Fortschritte in der theoretischen Informatik halfen jedoch dabei, die Kryptografie auf ein rigoroses mathematisches Fundament zu stellen, sie zu einer formalen Wissenschaft und fit für moderne Herausforderungen zu machen.

»Kryptografie gibt es vermutlich bereits seit die Menschheit die Schrift beherrscht«
Daniel Slamanig, Kryptograf

Seit wann gibt es Kryptografie? 
Vermutlich bereits seit die Menschheit die Schrift beherrscht – und es gibt definitiv Belege aus dem alten Ägypten. Das Bedürfnis oder auch die Notwendigkeit, speziell sensible Nachrichten geheim auszutauschen, scheint sehr natürlich und kann in sehr einfacher Form oft auch schon bei der Kommunikation von Kindern mittels »Geheimsprache« beobachtet werden.

Kryptografie ist eine ungewöhnliche Berufswahl. Was hat Sie dazu inspiriert, Kryptograf zu werden? 
Zugegebenermaßen war es wohl eher dem Zufall geschuldet. Ich kam während des Studiums mit IT-Sicherheit und somit Kryptografie in Kontakt. Mich faszinierte die Kombination von mathematischer Rigorosität und extremer Kreativität, die notwendig ist, um auf den ersten Blick oft paradoxe Probleme in Angriff zu nehmen. Somit war für mich schnell klar, dass ich in diesem Bereich forschen und promovieren möchte. Aber damit das dann auch wirklich zum Beruf wird, gehört natürlich einiges an Glück dazu.

Wie wird man Kryptograf? 
Man sollte ein starkes Interesse für Mathematik mitbringen und ein Informatik- oder Mathematikstudium absolvieren – heute gibt es auch schon viele spezialisierte Studiengänge in diesem Bereich. Will man dann in der akademischen Forschung arbeiten, sollte man promovieren und in der wissenschaftlichen Community Fuß fassen. Es gibt jedoch noch verschiedene weitere Bereiche, wo Kryptografen heiß gefragt sind. Neben Nachrichten- oder Geheimdiensten, deren Arbeit selten öffentlich wahrgenommen wird, findet auch sehr interessante und hochrelevante Kryptografieforschung in der Industrie statt. 

»Um Kryptograf zu werden, sollte man ein starkes Interesse für Mathematik mitbringen«
Derselbe, über die Grundlage seines Gebiets

Wofür wird Kryptografie heute eingesetzt? Können Sie konkrete Beispiele dafür nennen? 
Sobald wir die digitale Welt betreten, begegnet sie uns heute überall. Es geschieht jedoch üblicherweise »versteckt« im Hintergrund. Ein Beispiel ist das Browsen im Internet oder die Verwendung von Secure Messaging Apps wie Signal, WhatsApp oder Messenger. Es betrifft aber auch viele Bereiche an der Schnittstelle der physischen und digitalen Welt. Beispielsweise kontaktlose Autoschlüssel oder vernetzte Autos – wenn beispielsweise ein Tesla online ein Update erhält, ist es enorm wichtig zu garantieren, dass die Software authentisch ist und das Fahrzeug nicht durch Schadsoftware in eine ferngesteuerte Waffe verwandelt werden kann.

Mit welchen Herausforderungen haben Kryptografen aktuell zu kämpfen? 
Durch die zunehmende digitale Vernetzung werden die notwendigen Sicherheitsgarantien immer stärker und komplexer. Allein über 2,5 Milliarden Userinnen und User verwenden beispielsweise WhatsApp oder Messenger, und ein Fehler in der Kryptografie dieser Systeme kann gravierende Auswirkungen haben. Ein anderes anschauliches Beispiel ist das Auslagern von Daten – beispielsweise bei Dropbox oder iCloud – und Berechnungen an die Cloud, also angemietete IT-Infrastruktur. Man möchte Daten für Berechnungen oft nicht im Klartext an Dritte geben bzw. auch Gewissheit über die Korrektheit ausgelagerter Berechnungen erhalten. Weiters haben wir das Damoklesschwert eines leistungsfähigen Quantencomputers, das heute über all unseren Häuptern schwebt. Dieser würde die derzeit verwendete asymmetrische Kryptografie unsicher machen – was unvorstellbare Folgen für die weltweite Kommunikation hätte – und erfordert den Einsatz von quantensicherer Kryptografie.

Wann wird es Quantencomputer geben?
Quantencomputer gibt es schon seit etlichen Jahren. Und wenn man ein paar Millionen Euro auf der Seite hat, kann man auch kommerziell einen erwerben. Diese sind jedoch noch weit davon entfernt, leistungsstark genug zu sein, um damit uns Kryptografen Kopfzerbrechen zu bereiten. Es ist aber schwer zu sagen, wie lange das noch der Fall sein wird. Jedenfalls gibt es noch einige Hürden, die hochskalierbaren Quantencomputern im Wege stehen. Hier seriöse Prognosen abgeben zu können, ist sehr schwierig, aber es ist besser, man bereitet sich auf ein derartiges Szenario vor. 

Sie wurden 2018 mit dem »Netidee Science Award« ausgezeichnet. Was bedeuten solche Auszeichnungen für Sie? 
Über Auszeichnungen freut man sich immer. Aber viel wichtiger waren für mich die damit verbundenen Forschungsgelder, die ich verwenden konnte, um motivierte Nachwuchswissenschaftler einzustellen, um mit ihnen zu arbeiten.

Wie kommt man als Zivilist an die Universität der Bundeswehr in München?
Professoren sind Zivilisten, und das gilt auch für den Großteil des wissenschaftlichen und administrativen Personals. Obwohl die Universität gegründet wurde, um dem Offiziersnachwuchs neben der militärischen Ausbildung auch Zugang zu einem frei wählbaren zivilen Studium zu ermöglichen, studieren heute dort auch viele Zivilisten. 

Was sind Ihre Aufgaben an der Universität?
Wie an jeder Universität sind die Aufgaben eines Professors die Lehre und Forschung – hier im Speziellen das wissenschaftliche Arbeiten mit meiner Forschungsgruppe (www.unibw.de/crypto), die Akquise von Forschungsmitteln und das Einbringen in die akademische Verwaltung der Universität.

Wo liegt Ihr Lebensmittelpunkt?
Ich lebe mit meiner Frau und meinen beiden Söhnen seit August wieder in Kärnten. Ich verbringe einen Teil der Woche in München. Obwohl das aufwendig klingen mag, gibt diese Möglichkeit mir eine sehr gute Balance zwischen Familien- und Arbeitsleben.

Daniel Slamanig (43) besuchte die Volks-und Hauptschule in Lavamünd, maturierte am BORG in Wolfsberg, absolvierte das Kolleg für Chemie in Graz und schloss mit Auszeichnung das Studium der Medizinischen Informationstechnik an der FH Kärnten ab. Parallel dazu studierte er Informatik mit Schwerpunkt Mathematik an der Universität Klagenfurt und promovierte 2011 ebenfalls mit Auszeichnung im Bereich Kryptografie zum Doktor der technischen Wissenschaften (Dr. techn.). Vor seiner Berufung an die Universität der Bundeswehr München hat Slamanig als Scientist und später Senior Scientist in der Kryptografieforschungsgruppe des AIT Austrian Institute of Technology, Österreichs größtem außeruniversitären Forschungsinstitut, geforscht. Während dieser Zeit war er auch als Lektor an der Technischen Universität Wien tätig. Davor war er als PostDoc und dann als Senior Researcher am Institut für Angewandte Informationsverarbeitung und Kommunikationstechnologie (IAIK) an der Technischen Universität Graz tätig und hat dort eine Forschungsgruppe im Bereich der asymmetrischen Kryptografie etabliert. 

0 Kommentare Kommentieren

Keine Kommentare gefunden!

Liebe Leserinnen und Leser, in diesem Kommentarbereich prüfen wir alle Beiträge, bevor sie veröffentlicht werden. Ihr Kommentar erscheint, sobald er gesichtet wurde.

Bitte melden Sie sich an, um die Beiträge zu lesen oder zu kommentieren.AnmeldenHier Registrieren