Bischof Josef Marketz: »Die Kirche muss ihr Tor noch weiter öffnen und einladender werden«Ausgabe 18 | Mittwoch, 29. April 2020

Bischof Josef Marketz im Gespräch über die Herausforderungen der Coronakrise und wie man Gläubige zurück zur Kirche bringen könnte.

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Unterkärntner Nachrichten Redakteur Michael Swersina Von Michael Swersina m.swersinano@spamunterkaerntner.at
Bischof Josef Marketz denkt, dass wir viel Ausdauer brauchen werden, um die Armut, die sich durch die Corona-Krise ausbreitet, zu bekämpfen. Foto: Diözesane Pressestelle/Daniel Gollner

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Wie geht es Ihnen? 
Derzeit stehen wir im Krisenstatus. Ich werde mit vielen Er-wartungen konfrontiert, die ich nicht alle erfüllen kann. Ich spüre die Spannung zwischen dem Anspruch der Kirche, in der Verantwortung für die Gesundheit der Menschen vorbildlich alle verordneten Maßnahmen mitzutragen, und der wachsenden Zahl an Gläubigen, die endlich wieder eine heilige Messe in der Kirche feiern möchten. Das macht müde, vertieft aber die eigene Gottesbezie-hung, die wiederum mutige Entscheidungen ermöglicht.

Sie sind seit zweieinhalb Monaten neuer Bischof von Kärnten. Können Sie ein kurzes Resümee ziehen? 
Der Beginn meines Dienstes ist ganz anders verlaufen als geplant. Ich wollte viel unter die Menschen, mit Priestern und engagierten Laienmitarbeitern Kontakt aufnehmen. Jetzt ist das nur eingeschränkt möglich. Aber ich nehme viel Vertrauen seitens der Kärnt-ner Christinnen und Christen wahr, an die ich mich rund um Ostern über die unterschiedlichsten Medien wenden konnte. Vor allem bin ich sehr dankbar für meine engsten Mitarbeiter, mit denen ich im Hintergrund an der Weiter-entwicklung von Diözese und Bistum arbeiten kann. Derzeit wird alles von der Coronakrise überschattet.

Wie gehen Sie persönlich damit um?
Die Coronakrise verlangt jedem von uns sehr viel ab. Menschen haben Angst um ihre Gesundheit, um ihr Leben, um ihre wirtschaftliche Existenz. Ich halte mich an die behördlichen Vorgaben und Empfehlungen und appelliere an alle Kärntnerinnen und Kärntner, dies ebenfalls zu tun. Jede und jeder  Einzelne kann  dazu beitragen, das Leben und die Zukunft anderer zu schützen. Mir persönlich hilft der Glaube, dass uns Gott gerade in der Not nicht verlässt und ich irgendeinmal sagen werde: Es ist alles gut!

Und wie geht die katholische Kirche damit um? 
Wir versuchen als katholische Kirche auch in Zeiten von »social distancing« Kontakt mit den Menschen zu halten, für die Menschen da zu sein, für sie zu beten, ihnen beratend und unterstützend zur Seite zu stehen. Dies geschieht auf vielfältige Weise und auch auf neuen Wegen wie zum Beispiel mit Livestreams von Gottesdiensten. Auch Handreichungen, die den Menschen helfen, zu Hause ihren Glauben leben und feiern zu können, zählen dazu.

Heuer musste Ostern anders gefeiert werden, gemeinsame Feste und Messen gab es keine. Wie waren Ihre Eindrücke vom Osterfest? 
Aus vielen Rückmeldungen weiß ich, dass viele Kärntnerinnen und Kärntner sich intensiver über ihren Glauben und den tieferen Sinn des religiösen Brauchtums ausgetauscht haben. Ich hoffe, dass wir das Osterfest im nächsten Jahr dann umso bewusster und lebendiger mit festlichen Messen und freudig gelebtem Brauchtum feiern können.

Was macht die katholische Kirche, um die Menschen in der jetzigen Krise zu unterstützen? 
Viele Menschen wenden sich mit ihren Sorgen und Nöten an die Kirche. Die einen fürchten sich vor Covid-19, andere haben existenzielle Ängste angesichts der ungewissen wirtschaftlichen Zukunft und erhoffen sich materielle Unterstützung oder bitten darum, sie ins Gebet einzuschließen. Mit den Sozialleistungen der Caritas und vieler Pfarrgemeinden sowie der spirituellen Unterstützung durch Gebet und Gottesdienste, die über die sozialen Medien auch zu Hause mitgefeiert werden können, versuchen wir als Kirche, gerade in diesen schweren Zeiten den Menschen eine Stütze zu sein. So hat die katholische Kirche der Caritas einen Fonds zur Verfügung gestellt, um der Armut entgegen-zuwirken und notleidende Menschen zu unterstützen. Um alle notwendigen Kräfte zu vereinen, wurde mit dem Landeshauptmann ein Runder Tisch aller karitativen Einrichtungen und der Politik vereinbart. Ich hoffe, dass wir bald unsererseits Menschen einladen können, im gegenseitigen Austausch die gegenwärtigen Erfahrungen zu verarbeiten.

Welche Auswirkungen wird die Coronakrise auf die Menschen haben?
Wir werden jetzt in besonderer Weise dazu angehalten, aufmerksam für andere Menschen zu sein. Die bisherige Erfahrung zeigt, dass es in Krisensituationen einen beachtlichen Grundwasserspiegel an Solidarität in der Kärntner Bevölkerung gibt, den es dann auch nach der Krise aufrecht zu halten gilt.  Besonders beeindruckend finde ich die Selbstorganisation von gemeinschaftlicher Hilfe und den Einsatz junger Menschen, die hoffentlich aufrecht bleiben, wenn wir in der Krise verarmten Menschen solidarisch beim Wiederauf-bau helfen. Ich hoffe, dass unsere Gesellschaft aus dieser Krise gestärkt herausgeht und daraus auch einige nachhaltige Lehren für das Zusammenleben zieht. Wir merken jetzt auch, wie wichtig Menschen sind, die bisher wenig beachteten Berufen nachgehen. Ich denke da an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Lebensmittelgeschäften, über die man bisher kaum einmal als »Heldinnen und Helden« gesprochen hat. Ganz zu schweigen von Pflegerinnen und Pflegern, deren Bedeutung jetzt erst so richtig klar wird. Da ist eine besondere Aufmerksamkeit gegeben, die sicher einiges verändern wird.

In den vergangenen Jahren sind immer mehr Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Kehren durch die Krise wieder mehr Menschen zur Kirche zurück? 
Das kann ich noch nicht beurteilen. Ich hoffe aber, dass sie in der Krise durch die Pfarrgemeinden und die Caritas Unterstützung erfahren haben, Rat und Hilfe, Begleitung und spirituelle Stärke. Denn gerade in Notzeiten fühlen wir uns dem Wohl aller Menschen verpflichtet. Ich wäre sehr dankbar, wenn solche Erfahrungen manche zurück in die kirchliche Gemeinschaft führen würden.

Woran liegt es, dass immer mehr Menschen die katholische Kirche verlassen? 
Die Hauptgründe sehe ich in den Aussagen: »Die Kirche gibt mir in meiner derzeitigen Situation nichts!« Und: »Ich muss sparen, und der Kirche tut es am wenigsten weh, wenn ich den Kirchenbeitrag nicht mehr entrichte!«

Wie kann man gegensteuern?
Die Kirche muss ihr Tor noch weiter öffnen und noch einladender werden. In der Kirche muss eine große Weite spürbar sein, in der für jede und jeden Platz ist. Dazu braucht es viel gegenseitige Toleranz und Wertschätzung. Wir müssen den Menschen begreiflich machen, dass die vielen Aufgaben und Leistungen der Kirche auch erhebliche finanzielle Ressourcen benötigen, die hauptsächlich aus dem Kirchenbeitrag kommen. Und gerade jetzt, wo viele Menschen ihre Arbeit verloren und Unternehmen sich verschuldet haben, müssen wir bei der Berechnung noch besonders sensibel gemeinsam nach Lösungen suchen, die im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten der Beitragszahler liegen.

Wie ist die Stimmung unter den Katholikinnen und Katholiken in Kärnten?
Dazu würde ich gerne Sie befragen! Derzeit bin ich wie die meis-ten Menschen auf Telefonate und Medienberichte angewiesen. Angst und Hoffnung, aber auch viel Vertrauen sind Stimmungen, die ich wahrnehme, bei manchen aber auch Aggression und Verzweiflung.

In den vergangenen Jahren kamen immer mehr Freikirchen nach Österreich. Wie denken Sie über die Freikirchen?
Grundsätzlich positiv. Sie versu-chen, den Menschen die unmittelbare Beziehung zu Jesus Christus zu vermitteln. Ihre charismatisch geprägten Gottesdienste sprechen manche sehr an, andere weniger. Sie kümmern sich sehr um ihre Mitglieder, eine gesellschaftliche Rolle wie etwa die katholische Kirche können sie nicht übernehmen. Ich kenne manche Mitglieder, die ich sehr schätze. Einige der Gemeinschaften haben mir auch zur Bischofsweihe gratuliert. Ein persönliches Verhältnis zu ihnen konnte ich noch nicht aufbauen.

Was macht Ihnen persönlich Sorgen? 
Sorgen macht mir, dass wir viel Ausdauer brauchen werden, um die Armut zu bekämpfen, die sich auch nach Corona ausbreiten wird. Da brauchen wir Solidarität. Es wird darauf ankommen, dass wir uns alle auf das Wesentliche beschränken. Es führt zu einem veränderten Lebensstil. Wenn wir allerdings danach einfach wieder zur Tagesordnung übergehen, dann werden diese Menschen zurückbleiben. Dann geht die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auf. Das darf nicht sein. Ich hoffe, dass wir uns in Kärnten in einem Schulterschluss von Politik, Wirtschaft, Kultur, religiösen Gemeinschaften und zivilgesellschaftlichen Initiativen auch weiterhin aktiv um Solidarität, Gerechtigkeit und Nächstenliebe bemühen werden.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? 
Nach der langen Unterbrechung möchte ich zuerst einmal bei den Leuten in unseren Städten und Tälern ankommen, sie dort aufsuchen, wo sie leben, und um ihren christlichen Glauben im Alltag ringen oder ihn freudig vor anderen bezeugen. Im Bistum steht eine wirtschaftliche Sanierung an, was in diesen Zeiten nicht einfach sein wird. In der Seelsorge und den pfarrlichen Strukturen liegt mir die Zusammenarbeit von Priestern und Laien besonders am Herzen, wobei wir neu die Verteilung der verschiedenen Aufgaben und Kompetenzen erörtern sollten. Ein Thema, das mir wichtig ist, ist auch unsere Kommunikation zwischen den MitarbeiterInnen und ins Land hinein. Am Allerwichtigsten aber bleibt meine ureigenste Aufgabe, den Menschen Gott zu verkünden, der die Liebe ist.

Haben Sie noch irgendwelche kraftschenkenden Worte für die Lavanttaler Bevölkerung?
Es gibt so viele solcher Worte in der Heiligen Schrift! Schlagen Sie sie auf und lesen Sie – jede und jeder wird dort sein Wort des Lebens finden!

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