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Bad St. Leonhard, München, Venedig. Es beginnt mit einer Idee, die zunächst utopisch erscheint. Anfang 2023 hört Martin Pirker, aufgewachsen in Reichenfels und heute in Bad St. Leonhard zu Hause, erstmals vom sogenannten »Traumpfad«, der von München nach Venedig führt. Rund 550 Kilometer und 29 Etappen sind für die klassische Route vorgesehen. »Ich habe damals irgendwo aufgeschnappt, dass es diese Route gibt. Anfangs habe ich das noch für nahezu unmachbar gehalten. Kurz darauf habe ich mir aber schon einen ausreichend großen Rucksack gekauft und begonnen, mich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, diese Route entlang zu wandern. Irgendwann habe ich Freunden erzählt, dass ich im nächsten Jahr von München nach Venedig wandern möchte. Das war zunächst fast ein bisschen aus Spaß heraus gesagt. Aber sobald ich es ausgesprochen hatte, war für mich klar: Jetzt plane ich das und ziehe es auch durch«, erzählt Pirker.
Ganz nach dem vorgegebenen Etappenplan wollte er allerdings nicht wandern. »Es waren Etappen dabei, bei denen man nach 15 Kilometern und vier Stunden Gehzeit schon auf der Hütte gewesen wäre. Ich wollte aber nicht den ganzen Tag dort herumsitzen. Deshalb habe ich mir angesehen, welche Berge und landschaftlich interessanten Abschnitte es entlang der Route gibt, und daraus meine eigene Tour zusammengestellt«, erzählt der 31-Jährige.
Sportlich war Pirker schon immer. Nach der Corona-Zeit entdeckte er das Wandern und die Klettersteige wieder für sich. Eine wichtige Erfahrung machte er 2023 beim Lavanttaler Höhenwanderweg. Die rund 160 Kilometer lange Strecke rund um das Lavanttal musste er nach etwa 50 bis 60 Kilometern wegen schmerzhafter Blasen abbrechen. »Das hat mich schon geärgert. Rückblickend war es aber eine wichtige Erfahrung. Ich habe gelernt, dass man nicht einfach über jedes körperliche Problem hinweggehen kann«, sagt Pirker.
Für die Alpenüberquerung nahm sich Pirker sechs Wochen Urlaub. Er plante die ersten beiden Wochen detailliert, reservierte Hütten und bereitete für jeden Tag mehrere Routenvarianten vor. Neben einer anspruchsvolleren Strecke gab es jeweils eine kürzere Alternative, für den Fall, dass das Wetter schlecht sein sollte oder körperliche Beschwerden auftreten sollten. Am 1. Juli 2024 machte er sich schließlich allein auf den Weg. Mit dem Zug reiste der Lavanttaler nach München. »Wenn du in München in der Früh mit einem 18 Kilogramm schweren Rucksack und Bergschuhen losgehst, schauen dich die Leute schon ein bisschen an, als wärst du irgendwo falsch abgebogen«, lacht Pirker.
»Am Ende waren es 106 Kilometer, für die ich ungefähr eineinhalb Tage gebraucht habe«
Martin Pirker über seine Schlussetappe
Die Route führte über Innsbruck und in Richtung Tuxer Gletscher, vorbei an Brixen und weiter durch Südtirol nach Venedig. Allerdings erschwerten Schneereste aus dem Winter die Tour. Einige Passagen waren ohne zusätzliche Ausrüstung nicht sinnvoll zu bewältigen, weshalb Pirker Umwege einplanen musste, wie er sagt: »Manchmal wird aus einer geplanten Zehn-Kilometer-Etappe plötzlich eine Strecke von 40 Kilometern. Du hast deine Hütte gebucht, willst weiterkommen und stehst gleichzeitig unter Zeitdruck.«
Insgesamt war Pirker 24 Tage unterwegs. Rund 34.000 Höhenmeter kamen zusammen, im Durchschnitt 25,7 Kilometer und 1.450 Höhenmeter pro Tag. Nach etwa zwei Wochen legte er einen Ruhetag in einem kleinen Südtiroler Dorf ein, um sich zu erholen und den weiteren Weg zu planen.
Einen »Hunderter« zum Finale
Zum Abschluss setzte er sich noch ein besonderes Ziel: mehr als 100 Kilometer an einem Stück zurückzulegen. »Am Ende waren es 106 Kilometer, für die ich ungefähr eineinhalb Tage gebraucht habe. Die reine Gehzeit betrug fast 24 Stunden. Ich wollte die Tour mit etwas Besonderem abschließen«, blickt der 31-Jährige zurück. Die letzten Kilometer nach Venedig wurden allerdings zur Geduldsprobe. Hitze und Menschenmassen machten ihm zu schaffen: »Für die letzten acht Kilometer habe ich zweieinhalb Stunden gebraucht. Als ich endlich am Markusplatz angekommen bin, habe ich ein Foto gemacht, bin ins Hotel gegangen, habe mich gewaschen und bin ins Bett gefallen.«
Anschließend gönnte sich Pirker noch einen Abstecher ans Meer nach Lignano, bevor er mit dem Zug heimfuhr. »Ich war dann schon froh, wieder daheim zu sein«, sagt er rückblickend.
Während der gesamten Wanderung blieb Pirker mit seiner Familie in Kontakt. Dennoch sei das Alleinsein eine besondere Erfahrung gewesen. »Du erlebst unterwegs wirklich alles, Höhen und Tiefen. Wenn du auf einer Hütte sitzt und zum dritten Mal am Tag deine Geschichte erzählst, merkst du schon, dass die Menschen dort nicht unbedingt verstehen können, was du gerade machst.«
Als Kapitän und Obmann-Stellvertreter des SV Reichenfels erlebte er bei seiner Rückkehr eine Überraschung. Eigentlich sollten ihn seine Eltern in Knittelfeld abholen. Doch seine Freunde kamen mit dem Vereinsbus. »Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Das war einer der schönsten Momente der ganzen Reise.«
Eine weitere Alpenüberquerung kann er sich derzeit kaum vorstellen. Neue Pläne gibt es dennoch: Zur Fußball-Europameisterschaft 2028 im Vereinigten Königreich und in Irland möchte Pirker mit dem Fahrrad fahren.
Zunächst steht aber sein Vortrag am Samstag, 24. Oktober, im Veranstaltungszentrum Reichenfels an. Dort erzählt er ab 19.30 Uhr von seiner Wanderung. Der Eintritt erfolgt auf freiwilliger Spendenbasis, der Erlös kommt der Österreichischen Multiple Sklerose Gesellschaft zugute.

Von Philipp Tripolt
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