Magdalena Lobnig: »Wenn ein Transgender beim Rudern teilnimmt, habe ich als Frau keine Chance« Ausgabe | Mittwoch, 11. August 2021

Die Völkermarkter Ruderin Magdalena Lobnig (31) holte bei den Olympischen Spielen in Tokio im Rudern die Bronzemedaille. Mit den UN spricht sie über die Spiele und ihren Erfolg, die Corona-Maßnahmen und was sie von Transgender-Personen im Sport hält.

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2016 waren Sie schon bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro dabei und wurden Sechste. Sie waren damit nicht zufrieden und sagten, sie hätten mit den Spielen noch eine Rechnung offen. In Tokio hat es nun mit der Bronzemedaille geklappt. Ist damit die Rechnung beglichen?
Die offene Rechnung mit den Spielen ist auf alle Fälle beglichen. Ich bin sehr froh, dass es dieses Mal mit einer Medaille geklappt hat. Ich war diesmal aber auch eine wesentlich stärkere Sportlerin als in Rio und wusste, ich kann um eine Medaille mitmischen. Ich bin den ganzen Wettkampf über sehr souverän in alle Rennen gegangen, und es war dann halt irgendwie Zeit, dass es auch im Finale für eine Medaille reicht.

Was waren Ihre ersten Gedanken und Emotionen, als Sie wussten, Sie haben eine Medaille gewonnen?
Es war ein riesengroßer Befrei-ungsschlag für mich. Ich glaube, meinen Jubelschrei konnte man auch im Fernsehen sehr gut hören. Mir ist eine riesengroße Last von den Schultern gefallen. Ich hatte nämlich Angst, dass ich wieder so ein Finale zeige wie in Rio und damit keine Medaille erobere. Das ist mir schon am Start durch den Kopf gegangen, ich sagte mir aber, nein, diesmal nicht, diesmal bringe ich es heim. 

Sind Sie mit der Bronzemedaille zufrieden oder sagen Sie, es wäre noch ein bisschen mehr möglich gewesen?
Es war wirklich ein perfektes Rennen. Ich hätte an diesem Tag nicht noch schneller fahren können. Ich bin mit Bronze wirklich sehr zufrieden. Es hat mich schon riesig gefreut, ins Finale zu kommen. Und dann noch eine Medaille zu gewinnen war genial. Am Podium bei Olympischen Spielen zu stehen ist schon ein ziemlich cooles Gefühl. 

Es war wohl auch ein einzigartiges Gefühl, die Medaille umgehängt zu bekommen, oder?
(Lacht.) Die musste ich mir wegen der Covid-19-Maßnahmen selbst umhängen. Es war einzigartig und mega. Es haben sich sehr viele Leute mit mir gefreut, und es war einfach schön, das zu sehen und zu erleben. Es waren ja auch beim Rennen einige vom Olympic Team Austria an der Strecke mit dabei, und da war der Jubel schon sehr groß. Und bei der Rückkehr ins Olympic Village bekam ich einen wirklich schönen Empfang.

Und in Österreich ging es danach mit den Empfängen munter weiter ...
Genau. Am Flughafen war es richtig genial. Ich bin ja mit den Judoka gemeinsam angekommen, und die haben auch zwei Medaillen gemacht. Dementsprechend war  die  Halle voller Menschen, es waren zwei Blaskapellen dabei, auch der Ruderverband war vertreten. 

Also haben Sie einige unvergessliche Momente erlebt?
Absolut. Ich war nach dem Rennen überwältigt, ich war am Flughafen überwältigt, und der Riesenempfang in Völkermarkt war ein Wahnsinn.

Sie haben nun viele Pressetermine, Empfänge und Ehrungen. Was war stressiger: Die Zeit in Japan bei den Spielen oder nun zu Hause?
Die stressigste Zeit war nach dem Rennen, als ich von meinem Medienbetreuer von A nach B  gebracht wurde. Aber es ist sehr schön zu sehen, dass das Interesse so groß ist. Ich habe ja Geschichte geschrieben, denn es war die erste Olympiamedaille bei den Damen im Rudersport. Es ist sehr schön, dass ich das geschafft habe. Der erste Tag war aber natürlich sehr stressig mit all den Terminen, so dass ich keine Zeit hatte, alles noch einmal Revue passieren zu lassen und zu realisieren, was ich da eigentlich geschafft habe.

Wann fanden Sie dann die Zeit dazu?
Gute Frage. Ich glaube, im Flugzeug hatte ich erstmals ein wenig Zeit für mich alleine und konnte ein wenig darüber nachdenken. Aber es war dann alles sehr stressig, zwar ein schöner Stress. Man merkt mir sicher an, dass ich sehr müde bin. Die kommenden Tage werde ich nun einmal ein wenig ausspannen und mich erholen.

Aufgrund der Pandemie waren es besondere Spiele. Wie haben sich die Corona-Maßnahmen ausgewirkt bzw. wie waren sie im Olympischen Dorf spürbar?
Das Dorf an sich war wie damals in Rio. Der Unterschied war, dass man halt ständig eine Maske tragen musste und dass es jeden Tag Tests gab. Beim Essen musste ich Handschuhe tragen. Im Dorf konnte man sich frei bewegen, da hatte man ausreichend Grünflächen und Gelände zur Verfügung. Schade war natürlich, dass man bei anderen Sportarten nicht zuschauen konnte und am Tag nach dem Wettkampf gleich heimfliegen musste. Es wäre schön gewesen, wenn man noch eine Woche hätte anhängen können, um bei anderen Sportarten zuzusehen und sich die japanische Hauptstadt ein wenig anzuschauen. Aber das war halt leider nicht möglich.

Bringt diese Medaille Ihnen auch finanziell etwas, bzw. mehr Unterstützung vom Heeressportverein?
Beim Heeressportverein wird sich nicht viel verändern. Von meinen Sponsoren werde ich natürlich ein paar Prämien, wie im Vorfeld vereinbart, bekommen. Vom Staat gibt es ein paar Philharmoniker-Münzen. Am Montag habe ich vom Land Kärnten die höchste Auszeichnung im Sport erhalten, das Sport-Leistungsabzeichen in Gold.

Hilft eine Medaille im Gepäck bei der Sponsorensuche?
Ich denke schon. Aber ich habe sehr gute und treue Sponsoren und bin ohnehin gut aufgestellt.

Sie sagten, nach Tokio werden Sie sich überlegen, ob Sie Ihre Karriere fortsetzen. Wie ist der aktuelle Stand?
Seit ich über die Ziellinie gefahren bin, haben mich das schon sehr viele Leute gefragt. Ich möchte es mir nach wie vor offen lassen, aber ich tendiere eher zum Weitermachen, weil mir der Sport einfach so viel Spaß macht. Es ist ja ein cooler Lebensstil, ich komme auf der ganzen Welt herum. Es ist ein Privileg, das zu machen, und solange mein Körper mitmacht und der Geist es hergibt, bleibe ich sicher dabei.

Was steht bei Ihnen heuer noch wettkampfmäßig auf dem Programm?
Ich bin noch bei der Coastal-Weltmeisterschaft in Lissabon, dort möchte ich mit meiner Schwester Katharina im Doppelzweier an den Start gehen. Dazu kommen dann noch die Staatsmeisterschaft und wahrscheinlich ein paar Einladungsrennen im Herbst. Diese Einladungsrennen machen immer sehr viel Spaß, denn man fährt meist in Achter-Booten und sitzt daher mit den sonstigen Konkurrentinnen in einem Boot.

Diskussionen gab es bei den Spielen wegen der Teilnahme einer Transgender-Person beim Gewichtheben. Was sagen Sie dazu?
Es ist ein Wahnsinn. Wenn jetzt eine Transgender-Person bei uns im Rudern teilnehmen würde, dann hätte man als Frau überhaupt keine Chance mehr. Dann würde ich wahrscheinlich nicht mehr an den Start gehen. Wir sind ein Kraft-Ausdauer-Sport. Es geht um eine langfristige Entwicklung, und auch wenn ein Mann zu einer Frau wird, kann er noch von den Jahren zuvor zerren.

Wie könnten diese Menschen an Wettkämpfen teilnehmen?
Am Besten wäre es, wenn man für sie eine eigene Wertungsklasse macht. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Ansonsten würde es dann sicher schwer werden, unter fairen Bedingungen noch Wettkämpfe auszutragen.

// Zur Person
Magdalena Lobnig
wurde am 19. Juli 1990 geboren. Ihre erste Medaille im Rudern gewann sie 2006 bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Eton (FRA). Es folgten eine Gold- und eine Bronzemedaille bei der U23-WM, einmal Gold und drei Mal Silber bei Europameisterschaften, zwei Bronzemedaillen bei Weltmeisterschaften und eine Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021.

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