Zwei Naturkatastrophen erschütterten das Tal:Die eine wurde vergessen, die andere verschwiegenAusgabe 34 | Mittwoch, 19. August 2020

1660 rutschte eine große Fläche Almboden im Bereich Gemmersdorf ab, traf den Ort schwer und zerstörte teilweise eine Kirche. Weil einem Grundbesitzer nicht geglaubt wurde, gibt es heute Aufzeichnungen. 1916 geschah ähnliches – doch die Zensur unterdrückte es. // Gastbeitrag von Reinhold Gasper

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St. Andrä. Zwei Naturkatastrophen, die eine vergessen, die andere verschwiegen und dann ebenfalls vergessen, geschahen auf engstem Raum, nur einen Kilometer voneinander entfernt, aber in einem zeitlichen Abstand von 256 Jahren im Bereich Gemmersdorf-Oberpichling in der Gemeinde St. Andrä. Die Unglücke forderten 51 Todesopfer, alle wurden in Maria Rojach beerdigt.

Die erste Katastrophe fand am 7. Juni 1660 statt. Vermutlich nach langen und starken Regenfällen rutschte eine große Fläche Almboden ab und schoss durch den Oberländer Graben entlang des Baches in Richtung Gemmersdorf, das schwer getroffen wurde. Verschüttet wurde zum Teil auch die Kirche St. Lorenzen, der Luftdruck trug dort Messgewänder, Kelch und sonstige liturgische Gerätschaften fort.

Das Unglück ist so genau beschrieben, weil der Grundbesitzer Christian Wintbichler, dessen Wiesen und Äcker überschüttet wurden, sich weigerte, die gleich hohen Steuern wie vor dem Unglück zu zahlen. Wintbichler machte mehrere erfolglose Eingaben an die Landesstände, die Verordneten waren aber misstrauisch und beauftragten 1662 den in der Nähe des Unglücksortes lebenden Augenzeugen Georg Prödl, damals Besitzer des Farrachhofs,  um einen Bericht. Der machte noch mehr: Er fertigte auch eine aussagekräftige Bleistiftzeichnung an. Dargestellt ist die Kirche St. Lorenzen von Gemmersdorf, umgeben von  riesige Felsblöcken. Einer soll etwa 3.000 »Centner« gewogen haben, was nach heutigem Maß etwa 170 Tonnen wären. Berichtet wird auch, dass das Ereignis  29 Opfer gefordert hatte. Die Steine wurden später wohl zertrümmert und für Baumaßnahmen verwendet. Ein Bericht dazu stammt von Walter Fresacher und ist in »Carinthia« 1965 auf den Seiten 209 bis 214 zu finden. Eine Gedenktafel an der Kirchenwand zur Erinnerung wäre angebracht. 

Die zweite Naturkatastrophe geschah mitten im Ersten Weltkrieg, am 7. September 1916. Es regnete wochenlang, zwischendurch gab es schwere Gewitter und Wolkenbrüche. Am Krakaberg (ca. 1.070 Meter) lösten sich schließlich etwa 20 Hektar Almboden, die Mure raste um 6 Uhr morgens auf Oberpichling zu, wegen ihrer hohen Geschwindigkeit konnten sich nur wenige Menschen retten. 22 Personen und viel Vieh kamen ums Leben.

Riesiger Felsblock stürzte ab

Die erdbebenartigen Erschütterungen, die dabei entstanden, stammten von einem Steinblock mit den Ausmaßen zehn mal zwölf Meter und einem Gewicht zwischen 120 und 150 Tonnen, der ebenfalls abrutschte. In den Block wurde später eine Inschrift mit folgendem Text eingemeißelt: »Abrutschung von der Schoberstatt Koralpe am 7. Sept. 1916.«

2016 wurde von der Theatergruppe Maria Rojach eine Gedenktafel mit der Kurzgeschichte und der Liste der verunglückten Männer, Frauen und Kinder angebracht. Der Gneisblock müsste eigentlich zum Naturkatastrophendenkmal erklärt werden. Die kahle Fläche war vom Tal aus noch Jahrzehntelang zu sehen.

Die Abrutschung war nicht das einzige Unglück: In Frantschach drangen die Wassermassen in die Fabrik ein, zwei Schmelzöfen explodierten, das E-Werk wurde ebenso zerstört wie Sägewerke, Mühlen, Schmieden und Brücken. Besonders hart war Lavamünd von den Überschwemmungen betroffen. Das von Lavant und Drau mitgerissene Holz bewirkte, dass man in Marburg die Drau darauf überqueren konnte.

In der »Carinthia« erschien erst 1952, also 36 Jahre nach der Katastrophe, ein Bericht über die Geschehnisse. Herta Wittmann schilderte sie auf den Seiten 430 bis 435. Laut Wittmann verhinderte damals angeblich die Militärzensur dass die Ereignisse publik wurden, um eine Beunruhigung der Soldaten aus der Gegend zu verhindern. Tatsächlich spielte das angesichts tausender Toter an der Front wohl die geringste Rolle, der monatelange Produktionsstillstand im Rüstungsbetrieb Frantschach hatte wesentlich größere Auswirkungen. 1923 wurde ein sechs Tonnen schwerer Gneisblock mit dem Ochsengespann des Klosters nach Maria Rojach gezogen, woraus  ein würdiges Gefallenendenkmal entstand. Diese beiden Geschichten wären es wert, im Lavantinum Talmuseum präsentiert zu werden.

Reinhold Gasper
Der 82-Jährige war 30 Jahre lang im Klagenfurter Gemeinderat vertreten und betätigt sich seit Jahrzehnten als Historiker. Er verfasste das zweibändige Werk »Klagenfurter Geschichte und Geschichten«.

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