Benno Schober auf den Spuren der alten Seidenstraße: Vom Panj auf das »Dach der Welt«Ausgabe 51 | Mittwoch, 18. Dezember 2019

Der Wolfsberger Benno Schober (87) reiste durch Tadschikistan, entlang der alten Seidenstraße und des Grenzflusses Panj. Sein Weg führte ihn auch auf das »Dach der Welt«. Für die Unterkärntner Nachrichten verfasste der Lavanttaler Abenteurer einen Reisebericht.

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Duschanbe. Tadschikistan und Pamir – die Erwähnung dieser beiden geografischen Begriffe löst zumeist nur vage Vorstellungen aus. Das zentralasiatische Land Tadschikistan, vormals eine Republik der ehemaligen Sowjetunion, gehört mit Sicherheit nicht zu den üblichen Reisezielen. Aber gerade die Faszination der alten »Seidenstraße«, unterschiedliche kulturelle Einflüsse und Religionen, die geopolitische Lage zwischen Afghanistan, Usbekistan, Kirgistan und China und nicht zuletzt eine imposante Bergwelt waren reizvolle und überzeugende Gründe für mich, dieses Land im vergangenen Sommer zu besuchen. 

Auf das »Dach der Welt«

Die Gruppenreise an der ich teilnahm, auf die Hochebene des Großen Pamir, das sog. »Dach der Welt«, begann in der Hauptstadt Duschanbe – übrigens eine Partnerstadt von Klagenfurt. Anders als bei uns hängt die Fahrtzeit nicht von der jeweiligen Entfernung, sondern vom Zustand der Verkehrswege ab. Die erste Etappe führt über fast 600 Kilometer, wofür man gut und gerne zwölf Stunden oder mehr benötigt. Die meiste Zeit davon geht im steten Auf und Ab ohne Leitplanken auf nicht asphaltierter enger Fahrbahn und zwischen hohen Bergketten eingeklemmt den Panj (sprich: Pantsch), Grenzfluss zu Afghanistan, entlang. Im Begegnungsverkehr sind auch schon ganze Lastzüge auf Nimmerwiedersehen in den graubraunen reißenden Wassermassen verschwunden. Der Anblick friedlicher und mit Eseln arbeitenden Bauern auf der anderen Seite des Flusses, also auf der afghanischen Seite, wirkt befremdlich, aber auch wieder beruhigend. Das wilde Wasser endet flussabwärts als Amu Darya nach der Bewässerung vieler Baumwollfelder im austrocknenden Aralsee. Vor mehr als 2.300 Jahren überquerte Alexander der Große auf seinem Feldzug – Tausende Kilometer von seiner Heimat Mazedonien entfernt – diesen Fluss, der im Altertum Oxus hieß. An dem über Hunderte Kilometer langen einzigen Grenzübergang und einstigen Karawanenweg der alten Seidenstraße, zwischen dem afghanischen Faizabad und dem legendären Kashgar im äußersten Westen Chinas, findet auf einer Brücke, die aus Mitteln der sogenannten Aga Khan Stiftung finanziert wurde, einmal im Monat im Niemandsland ein Markt statt. Kleine von Pappelhainen gesäumte Dörfer vermitteln das einfache Leben. 

Die Reste gewaltiger steinerner Befestigungen aus dem dritten Jahrhundert vor Christus zeigen von der strategischen Bedeutung uralter Handelswege und historischer Minen (u. a. Lapislazuli), über die schon Marco Polo berichtete. Irgendwann wird der Blick frei auf die mächtige Reihe der 6.000 Meter hohen Eisriesen des Hindukusch – ein Höhepunkt des Tages. 

Schließlich passierten wir den berühmten Wakhan Korridor, eine Talschaft, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Pufferzone zwischen den Großmächten Russland und Großbritannien im Kampf um die Vormachtstellung in Zentralasien eingerichtet wurde und im Osten an China grenzt. Auf dem Weg zum Großen Pamir geht es landestypisch hoch und höher, bis wir an einem abseits gelegenen Sommerweideplatz der Tadschiken unsere sehr einfachen, aus Lehm errichteten Quartiere beziehen. 

Ein mit großer Intensität ausgetragenes Volleyballspiel zwischen den jungen Männern der umliegenden kargen Behausungen auf immerhin bereits 3.735 Meter Seehöhe lässt die Absenz auch des kleinsten Komforts vergessen. Zurück auf dem Pamir Highway ging es auf Asphalt weiter. Wir begegneten hin und wieder chinesischen Trucks. Dem trostlosen Besuch eines Freihandelsmarkts stehen zwei Höhepunkte gegenüber: der Blick auf den 7.465 Meter hohen und schon in China gelegenen Muztagata (Vater der Eisberge) und der Erwerb von zwei Flaschen Bier und einer Flasche Vodka um 6,30 Euro. 

Nach großartigen Ansichten der umliegenden Berge und der Überquerung eines 4.655 Meter hohen Passes gelangten wir über lange Strecken nur wenige Meter vom Grenzzaun entfernt zum prachtvollen Karakul, einem See, hinter dem der Pik Lenin mit 7.134 Meter majestätisch aufragt. Die Vision einer Müllvermeidung ist allerdings angesichts des verdreckten Ufers aktueller denn je. Der notwendige Grenzübergang nach Kirgistan vollzieht sich auf einem Pass in 4.280 Metern Seehöhe. Entgegen der leeren und zumeist gleichförmig wirkenden Hochebene des Großen Pamir waren nunmehr grüne Weiden, grasende Pferde und die typischen Jurten ein markanter Kontrast. Diese wurden nun für zwei Nächte unsere Schlafplätze sein. In der Nacht kühlte es merklich ab, aber der mit Dung befeuerte Kanonenofen ließ uns dies nicht spüren. Der Aufstieg zum Basislager des Siebentausenders geriet angesichts des schönen Wetters und der traumhaften Kulisse zu einem besonderen Erlebnis, garniert mit Wiesen voller Edelweiß, friedlich grasender Yakherden und spielender Kinder vor kreisrunden Jurten. Stunden, die man in Demut und Dankbarkeit genoss. Die Weiterfahrt nach Osh (800.000 Einwohner) mit ausgiebiger Stadtbesichtigung, der einstündige Flug in die Hauptstadt Bishkek, die ich von einer früheren Reise schon kannte, und der Heimflug mit einem Wiedersehen des Ararat, auf dessen Gipfel ich vor zwölf Jahren stehen durfte, waren die Schlussszenen eines Stücks, welches sowohl den Blick auf vergangene Epochen wie auch die Szenarien einer neuen, ungewissen und sich rasch ändernden Weltordnung beinhaltet. 

Was in der Erinnerung bleibt: der Geruch des Basars, fremdartige Geschmäcker, bunte Frauenkleider, der typische Sing-sang tadschikischer Melodien, die stoische Gelassenheit des pistazienkauenden Fahrers, die gelebte Bescheidenheit allerorts, eine selten gewordene leblose Stille und die absolute Einsamkeit in einer menschenleeren, unendlich scheinenden Landschaft. 

Zu Tadschikistan

Mehr als die Hälfte des Landes, das rund doppelt so groß wie Österreich ist und ca. 9 Millionen Einwohner hat, liegt mehr als 3.000 Meter über dem Meeresspiegel. Landwirtschaftlich nutzbar sind lediglich sechs Prozent der Landesfläche. Zusammenhängende größere Waldbestände gibt es kaum, dafür viele Flüsse und über 2.000 Seen. Die Temperaturen können im Sommer auf über 40 Grad steigen, auf der Hochfläche des Pamir gilt im Winter dasselbe für den Minusbereich. Rund 95 Prozent der Tadschiken sind Muslime, vorwiegend Sunniten, bei den Ismaeliten, einer schiitischen Glaubensrichtung, sind Männer und Frauen gleichgestellt. Kultureller Islam wird vom Staat geduldet, politischer Islam (Taliban) wird entschieden abgelehnt. 

Aufgrund der fehlenden Verkehrswege entwickelten sich in den Siedlungsgebieten regionale Bräuche und Identitäten, sowie in den abgeschiedenen Tälern eigene Sprachen und Dialekte. Die wirtschaftliche Situation ist schlecht, Gastarbeit in Russland ist vielerorts notwendig. Misswirtschaft und Korruption sind durchaus gegenwärtig. Chinesische Kredite in Form von Straßenbau und Investitionen in Bergbau sind spür- und sichtbar. 

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