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St. Georgen, Wien. Der große Festsaal des Wiener Rathauses wurde kürzlich zur Bühne für musikalische Höchstleistungen aus ganz Österreich. Mittendrin war als Kärntner Vertreter die Trachtenkapelle St. Georgen. Mit 89,33 Punkten, dem vierten Gesamtrang unter den acht teilnehmenden Formationen und zugleich dem Sieg in der Stufe C setzte der Verein ein starkes Zeichen – und markierte einen historischen Erfolg in der fast 90-jährigen Geschichte der Kapelle.
Dass dieser Erfolg kein Zufall ist, sondern das Ergebnis jahrelanger Aufbauarbeit, ist hauptsächlich Obmann Günter Wutscher und Kapellmeister Herbert Sulzer zu verdanken. Beide Musiker prägen den Verein auf unterschiedliche Weise und verfolgen dabei ein gemeinsames Ziel: musikalische Qualität und gelebte Gemeinschaft in Einklang zu bringen.
Günter Wutscher, 56 Jahre alt, seit jeher in St. Georgen verwurzelt, ist das organisatorische Rückgrat der Kapelle. Bereits seit 1985 Mitglied und langjähriger Funktionär, steht er seit 2011 erneut als Obmann an der Spitze. »Das Aufgabengebiet ist vielseitig und umfasst sowohl organisatorische als auch repräsentative und strategische Aufgaben«, beschreibt er seine Rolle. Es gehe darum, Abläufe zu koordinieren, den Verein nach außen zu vertreten und gleichzeitig nach innen für Zusammenhalt zu sorgen. »Ich arbeite eng mit dem Kapellmeister zusammen, etwa bei der Abstimmung von Proben und Auftritten«, so Wutscher. Ebenso wichtig sei die Pflege von Kontakten zu Gemeinden, Verbänden und Sponsoren. Doch im Kern stehe immer der Mensch: »Es geht darum, Motivation zu schaffen, neue Mitglieder zu gewinnen und ein funktionierendes Vereinsklima zu erhalten.«
70 Prozent unter 30
Dass dieser Ansatz Früchte trägt, zeigt die Struktur der Kapelle: Derzeit zählt man 45 Mitglieder, darunter 39 aktive Musikerinnen und Musiker, fünf Marketenderinnen und einen Kapellmeister. Besonders bemerkenswert ist der hohe Jugendanteil. »Über 70 Prozent unserer Musiker sind unter 30 Jahre alt – das ist das Ergebnis unserer konsequenten Nachwuchsarbeit«, betont Wutscher. Die enge Zusammenarbeit mit der Musikschule, der Bläserklasse und dem vereinseigenen Projekt »TK Juniors« bilden dabei die Basis. Wutscher: »So gelingt es uns regelmäßig, junge Talente in das Orchester zu integrieren.«
»Das Ergebnis zeigt die Gemeinschaft, die unseren Verein auszeichnet«
Günter Wutscher, Obmann
Die musikalische Handschrift der Kapelle prägt maßgeblich Herbert Sulzer. Der gebürtige Ettendorfer, Jahrgang 1965, ist seit Jahrzehnten eng mit der Trachtenkapelle verbunden. Bereits 1986 übernahm er erstmals die Funktion des Kapellmeisters, kehrte nach einer Pause 2020 wieder zurück. Seine fundierte Ausbildung am Konservatorium Klagenfurt sowie seine Zeit bei der Militärmusik Kärnten beeinflussen seine Arbeit bis heute.
Besonders zum Tragen kam seine musikalische Erfahrung während der Vorbereitung auf den Bundesbewerb. Nach der Nominierung durch den Kärntner Blasmusikverband im Herbst 2025 begann eine intensive Proben-Phase. »Die Herausforderung war, die Spannung über den gesamten Zeitraum hochzuhalten«, erklärt Sulzer. Mit zusätzlichen Probentagen und externer Unterstützung durch Landeskapellmeister Daniel Weinberger hat sich die Trachtenkapelle auf den Bundesbewerb »Polka, Walzer, Marsch« vorbereitet. Höhepunkte der Vorbereitung waren das Frühjahrskonzert im März sowie die Teilnahme an der Regionswertung Oberkärnten im April.
»Den Auftritt genießen«
Beim Wettbewerb selbst präsentierte die Kapelle drei Stücke: die Polka »Goldene Musik«, den Pflichtwalzer »A La Carte« und den Marsch »Bergwelt«. Für Sulzer stand in Wien aber nicht nur die Bewertung im Vordergrund: »Schon die Nominierung war eine Bestätigung für unsere Vereinsarbeit der vergangenen Jahre.« Vielmehr sei es darum gegangen, den Moment zu erleben, wie der Kapellmeister sagt: »Wir wollten den Auftritt genießen, das Ambiente des Wiener Rathauses aufsaugen und einfach Spaß haben.«
Dass dabei auch das Ergebnis stimmte, bestätigt laut Sulzer den eingeschlagenen Weg: »Unabhängig von der Punkteanzahl waren wir direkt nach dem Auftritt überzeugt, dass wir unsere Bestversion gezeigt haben. 89,33 Punkte bei einem Bundeswettbewerb in der Stufe C sind ein Ergebnis, mit dem wir mehr als zufrieden sind.«
Auch für Obmann Wutscher war die Leistung bedeutend: »Das Erreichen der höchsten Punkteanzahl in der Stufe C macht natürlich stolz. Noch stolzer macht mich aber der Weg dorthin.« Es sei das Zusammenspiel aus Engagement, Disziplin und Eigeninitiative gewesen, das diesen Erfolg möglich gemacht habe. »Und vor allem zeigt es die Gemeinschaft, die unseren Verein auszeichnet«, sagt Wutscher.
Als schließlich das Ergebnis verkündet wurde, entlud sich die monatelange Anspannung in einem Moment purer Emotion, wie der Obmann sagt: »Jubel, Freude, Erleichterung, gegenseitige Gratulationen, Freudentränen – und mit etwas Abstand großer Stolz auf den bislang größten Erfolg unserer Vereinsgeschichte.«

Von Philipp Tripolt
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