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Wolfsberg. Was treibt einen Menschen dazu, nach mehr als 40 Jahren des Reisens und über 285 Weltreisen noch immer nach dem nächsten außergewöhnlichen Ziel zu suchen? Für den Wolfsberger Robert Schmid ist die Antwort einfach: Die Neugier auf Menschen, Kulturen und Lebenswelten, die man nicht im alltäglichen Reiseprogramm findet.
Der Ethnologe, Abenteurer, Buchautor und Reiseunternehmer hat nahezu alle Regionen der Erde bereist. Viele traditionelle Feste, Rituale und Kulturen Afrikas lernte er dabei kennen. Doch zuletzt führte ihn seine Suche nach dem Besonderen in ein Land, das selbst für erfahrene Afrika-Reisende noch Überraschungen bereithält: das Königreich Eswatini im Süden des Kontinents.
Was Schmid und seine Reisegruppe dort erlebten, war weit mehr als eine außergewöhnliche Urlaubsreise. Es war eine Begegnung mit einer Gesellschaft, in der Tradition bis heute gelebt wird – bei einem der größten Kulturereignisse Afrikas ebenso wie bei einer traditionellen Hochzeit, beim Besuch einer Sangoma und während eines Gottesdiensts.
Der Höhepunkt der Reise war zweifellos das Umhlanga, das traditionelle Reed Dance Festival. Zehntausende junge Frauen kommen dabei zusammen, singen, tanzen und bringen Schilf zur Residenz der Königinmutter, wofür sie eine 20 Kilometer lange Strecke zurücklegen.
Schmid hatte bereits zahlreiche afrikanische Zeremonien erlebt und glaubte zu wissen, was ihn erwarten würde. Doch Eswatini überraschte ihn. Rund 40.000 junge Frauen versammelten sich heuer zu dem jahrhundertealten Ritual. Farbenprächtige Gewänder, Federn und Perlen, Trommeln, Gesänge und Tänze verwandelten den Veranstaltungsort in ein Meer aus Menschen und Farben. »Als die Kolonne der Frauen an uns vorbeizog, waren wir geradezu erstarrt von der schieren Länge dieser Menschenmasse«, erzählt Schmid, der rund 3.000 Fotos machte. Das Besondere am Umhlanga sei aber nicht nur das, was man sehe, sagt Schmid. Es sei die Atmosphäre, die Energie, der Stolz, das Gefühl einer Gemeinschaft, die ihre Tradition nicht für Besucher aufführt, sondern aus eigener Überzeugung lebt: »Wir sahen keine Folklore für Touristen. Wir erlebten eine Kultur, die sich selbst feiert.«
Zu Gast bei einer Hochzeit
Doch das Umhlanga sollte nicht das einzige außergewöhnliche Erlebnis bleiben. Die Wolfsberger Reisegruppe wurde als Ehrengäste zu einer traditionellen Hochzeit eingeladen. Für Schmid sind es solche Momente, die den Unterschied zwischen einer gewöhnlichen Reise und einer wirklichen Begegnung ausmachen. Farbenprächtige Kleidung, Musik, Gesang und Tanz bestimmten die Feier. Für einige Stunden öffnete sich eine Tür in eine Welt, die Reisenden sonst verborgen bleibt. Schmid durfte mit der Braut tanzen. Umringt von Kriegern, gratulierte er ihr scherzhaft zum »zweitbesten Ehemann der Welt«. Die Braut konterte schlagfertig: »Warum bist du so spät gekommen, Nummer eins?« Ein Satz, der für viel Heiterkeit sorgte und für die Herzlichkeit und Selbstverständlichkeit stand, mit der die Reisegruppe aufgenommen wurde. »Für einige Stunden waren wir keine Reisenden, die ein fremdes Land besuchten. Wir waren einfach Gäste«, sagt Schmid.
Eine weitere Tür in die traditionelle Lebenswelt Eswatinis öffnete sich beim Besuch einer Sangoma. Dabei handelt es sich um eine Heilerin und spirituelle Beraterin, deren Wissen über Generationen weitergegeben wird. Die Gruppe wollte sich nicht mit einem kurzen Besuch zufriedengeben. Man konsultierte die Sangoma – auch Schmid selbst. Eine Sangoma ist weit mehr als eine Heilerin. Sie verkörpert eine Verbindung zwischen Mensch, Natur, Spiritualität und überliefertem Wissen. Für europäische Besucher erscheint diese fremd. Gerade darin liegt für Schmid aber der Wert einer solchen Begegnung. Man müsse nicht alles verstehen, um den Wert einer anderen Kultur zu erkennen, meint der Ethnologe. Man müsse vor allem bereit sein zuzuhören.
Noch einmal völlig andere Eindrücke sammelte die Reisegruppe bei einem Sonntagsgottesdienst. Was zunächst wie ein gewöhnlicher Besuch einer Messe begann, entwickelte sich zu einem Erlebnis, das die Wolfsberger nachhaltig beeindruckte. Gesang und Tanz prägten die gesamte Feier. Christliche Elemente vermischten sich mit traditionellen afrikanischen Vorstellungen und Ritualen. Die Atmosphäre war intensiv, emotional und für europäische Besucher ungewohnt.
Dämonenaustreibung
Schließlich wurde die Gruppe auch Zeuge einer Zeremonie, die als Dämonenaustreibung verstanden wurde. Für Schmid zeigte sich hier, wie unterschiedlich Menschen Spiritualität und Glauben erleben können. Während in Europa Religion häufig einem festen und vertrauten Rahmen folgt, verschmelzen in Eswatini christlicher Glaube und ältere afrikanische Traditionen miteinander.
Wenn Schmid auf die Reise zurückblickt, sind es deshalb nicht nur die großen Bilder des Umhlanga, die ihm im Gedächtnis geblieben sind. Es sind die Menschen. Und die Erkenntnis, dass Tradition nicht zwangsläufig Vergangenheit bedeutet.
Nach mehr als 285 Weltreisen ist Schmid auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen längst nicht mehr mit den üblichen Sehenswürdigkeiten zufrieden. Er sucht jene Momente, in denen man für kurze Zeit einen Blick in das Leben der Menschen werfen darf. Und genau solche Momente fand er in Eswatini. Ein Stück Afrika, das mit nach Wolfsberg kam – und diesmal rund 3.000 Fotos.

Von Horst Kakl
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