Mittwoch, 22. November 2017

Neues über die Bakterienwelt im menschlichen Darm

von Michael Swersina, 18.01.2017

Bakterien und andere Mikroorganismen, die in unvorstellbar großer Zahl den menschlichen Verdauungstrakt bevölkern, haben offenbar großen Einfluss auf Gesundheit und Konstitution. Wird die Darmflora nämlich von den „falschen“ Bakterien besiedelt, können Übergewicht und Fettleibigkeit, aber auch Depressionen, Angsterkrankungen, Autoimmunerkrankungen und Allergien die Folgen sein. Bei der Erforschung der geheimnisvollen Mikrobenwelt im Darm stehen die Wissenschaftler jedoch erst am Anfang.

In den letzten Jahren ist ein Bereich des menschlichen Körpers mehr und mehr in das Blickfeld der wissenschaftlichen Forschung gerückt, dem man so viel Aufmerksamkeit früher kaum zugetraut hätte. Die Rede ist vom menschlichen Darm. Lange Zeit wurde er fast ausschließlich als etwa sechs bis sieben Meter langer Transportschlauch gesehen und von der Funktion her hauptsächlich auf seinen Anteil an der Verdauung reduziert.
Aber heute weiß man viel mehr über ihn. So hat sich der Darm des Menschen als äußerst komplexes Organ erwiesen, das offenbar sehr viele und besonders unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten besitzt.

Eine Art zweites Gehirn
Tatsächlich scheinen in den Regio­nen des Darms noch viele aufregende Geheimnisse zu schlummern. Forscher sind sich ziemlich sicher, dass die Vorgänge im Darm nicht nur unser körperliches, sondern auch unser psychisches Wohlbefinden und unser seelisches und gesundheitliches Gleichgewicht beeinflussen und mitbestimmen. Manche gehen sogar so weit, den menschlichen Darm als eine Art „zweites Gehirn“ zu bezeichnen.
Und wirklich besitzt der Darm ein eigenes Nervensystem. Es wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt und besteht, wie man heute weiß, aus etwa 100 Millionen Nervenzellen. Die sind auf molekularer Ebene genauso ausgestattet wie die Nervenzellen des Gehirns und können z.B. auch die gleichen Botenstoffe ausschütten.
Das allein wäre schon bemerkenswert genug. Viele der besonderen Fähigkeiten des Darms hängen aber auch mit der „bunten“ Welt aus Mikroorganismen zusammen, die ihn rund um die Uhr bevölkern. Und zwar so dicht und in solcher Vielfalt wie in keiner anderen Region des Körpers.
Diese mikroskopisch kleinen Organismen – die meisten sind Bakterien – regeln nicht nur den Nahrungstransport und die Verdauungsvorgänge, sondern unterstützen auch die körpereigene Immunabwehr. Wahrscheinlich sind sie aber auch ausschlaggebend dafür, ob wir für bestimmte Krankheiten besonders anfällig sind oder nicht. Wird der Darm nämlich überwiegend von den „falschen“ Bakterien besiedelt, können nicht nur Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas), sondern auch Allergien, Depressionen, Angsterkrankungen und manche Autoimmunerkrankungen die Folgen sein.

Der Darm ist plötzlich kein Tabuthema mehr
So richtig in Schwung gekommen ist die wissenschaftliche Erforschung der Darmflora und der Mikroorganismen, die sich dort tummeln, erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Seither sind allerdings zahlreiche Aufsätze, Fachbücher und Studien erschienen, die sich mit den verschiedenen Aspekten des Themas befassen. Dazu kommt, dass so mancher Bestseller auf dem Büchermarkt – zuletzt Giulia Enders Bucherfolg „Darm mit Charme“ – das nicht ganz unkomplizierte Thema auch für eine breitere Öffentlichkeit verständlich gemacht hat.
Und natürlich hat auch die Pharmaindustrie schon längst erkannt, wie einträglich dieses neue Geschäftsfeld werden könnte. Gelänge es nämlich, die Zusammensetzung und das natürliche Gleichgewicht der Darmflora nicht nur zu beeinflussen, sondern ganz gezielt und nachhaltig festzulegen und zu „bestimmen“, dann könnten einige weitverbreitete Gesundheitsprobleme bald der Vergangenheit angehören. Die Chance, mit probiotischen Arzneimitteln Geld zu verdienen, wäre ziemlich groß.

Die geheimnisvolle Welt des Darm-Mikrobioms
In der noch immer sehr geheimnisvollen Welt des Darms lebt jedenfalls ein Großteil der rund 100 Billionen Bakterien, die den Menschen besiedeln. Die Darmbakterien stellen sich normalerweise zum ersten Mal bei der Geburt ein. Dabei kommt das Kind zunächst v.a. mit Darmbakterien in Kontakt, die von der Mutter stammen und rasch damit beginnen, ihren neuen Lebensraum zu besiedeln. Die von der Mutter übernommenen Darmbakterien bleiben aber nicht die einzigen. Zu ihnen kommen weitere Bakterien und andere Mikroorganismen, die mit der Nahrung aufgenommen werden, aber auch vom Vater und aus der sonstigen Umgebung des Kindes stammen. Durch diese allmähliche Anreicherung mit Bakterien aus unterschiedlichen Quellen wird die Darmflora des Kindes zunehmend reicher und vielfältiger. Schließlich werden es rund 1.000 verschiedene Bakterienstämme sein, die hier siedeln.
Darunter sind viele Bakterienarten, die bei fast allen Menschen zu finden sind. Sie gehören sozusagen zur menschlichen Grundausstattung. Aber es gibt auch Bakterienstämme, die keineswegs bei jedem vorkommen und daher bei ihren jeweiligen Trägern gewissermaßen für die eine oder andere individuelle Note sorgen. Dazu kommt, dass sich die Zusammensetzung des Darm-Mi­krobioms im Laufe des Lebens verändern kann und das oft auch tut. Allerdings bleiben die meisten Bakterienarten ihrem einmal besiedelten Lebensraum zumeist recht treu und lassen sich kaum auf Dauer aus ihm verdrängen.

Bakterienaustausch? Noch weiß man zu wenig
Immer wieder deuten neue wissenschaftliche Erkenntnisse darauf hin, dass die Zusammensetzung des Mikrobioms im Verdauungstrakt unter Umständen an der Entstehung bestimmter Krankheiten beteiligt ist (v.a. Fettleibigkeit, aber auch Allergien, Depressionen und Angsterkrankungen). Natürlich würden Wissenschaftler zumindest in der Theorie schon längst einen möglichen Ausweg aus dieser Situation kennen – nämlich die „falschen“ Bakterien, von denen man allerdings viele oder sogar die meisten noch nicht einmal kennt, gegen die „richtigen“ auszutauschen.
So könnte man ganz gezielt Einfluss auf das Mikrobiom im Verdauungstrakt nehmen, chronische Krankheiten besser therapieren bzw. heilen und Risikofaktoren frühzeitig ausschalten. Bis es jedoch eines Tages vielleicht wirklich so weit ist, muss noch sehr viel Wissen über die geheimnisvolle Bakterienwelt im Darm gesammelt werden.

Werner Thelian / Foto: Can Stock Photo.

Michael Swersina

m.swersina@unterkaerntner.at

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